Notebookcheck

Fallout - geliebtes, gehasstes Fallout

von Gerald Strömer

"War. War never changes." Mit diesem Satz beginnt jedes Fallout-Spiel. Kaum einem anderem Spiel habe ich in den letzten Jahren so entgegengefiebert wie dem neuesten Vertreter der Serie, Fallout 3. Korrektur: Keinem anderem Spiel. Und kein anderes Spiel hat bei mir einen derartigen Mix von Emotionen ausgelöst: Von einen begeisterten Grundtenor unterlegt, mischen bei mir Staunen, Schaudern, Frust, Neugier, Amüsement und manchmal der blanke Hass mit. Letzteres vor allem dann, wenn ich - wie vorgestern wieder - an einem Wochentag früh um fünf nach einer 6-Stunden-Session möglichst leise ins Bett taumele und mich in Gedanken verfluche, weil um sieben der Wecker klingelt und ein ein neuer Tag in Kürze mies lächelnd seine fahlen Tentakel ins Schlafzimmer schiebt.

Ich tendiere eigentlich eher dazu, mir ein gutes Spiel aus Gründen der Hardware-Schonung erst mit ein bis zwei Jahr Verzögerung zuzulegen oder dann, wenn es unter die 20-Euro-Grenze gefallen ist. Das spart zum Einen Geld - ich bin einfach nicht bereit, für ein Spiel 50 oder 60 Euro hinzulegen - und stellt in der Regel sicher, dass die in den letzten Jahren immer häufiger auftretenden Bugs behoben sind, wenn ich mich dann zum Spielen bequeme. Vielleicht wird man mit den Jahren auch einfach abgeklärter, was Hysterien angeht. In all den Jahren habe ich weiß Gott schon genug Hypes kommen und gehen sehen, um mich davon noch anstecken zu lassen.

Fallout 3 ist die Ausnahme. Es ist das allererste Spiel, bei einem ich meinen Vorsätzen untreu wurde und es einen Monat vor Veröffentlichung vorbestellte. Nach kurzem Überlegen übrigens als englischsprachiges Original. Zum einen wollte ich kein Risiko eingehen, das mir eine miese Synchronisation den Spielspaß verdirbt. Zum anderen war die Entscheidung der unsäglichen Tatsache geschuldet, dass dieses Spiel mal wieder für den deutschen Markt verhunzt und um die Darstellung von Blut und abgeschossenen Körperteilen erleichtert wurde. Diese Attitüde von Vater Staat, sich hierzulande selbst bei Über-18-Spielen ungefragt als moralischer Vorkoster Erwachsener zu etablieren, geht mir gehörig auf den Senkel. Übrigens: Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass Fallout herrlich blutrünstig ist...? Oder besser: Schon immer blutrünstig war und noch immer ist?

Jedenfalls zog mich das Fallout-Universum bereits Ende der 90er in seinen Bann, als ich in isometrischer Draufsicht mit meinem doch recht pixeligen Helden in rundenbasierte Kämpfe zog. Schon damals war es nicht die bestenfalls und mit Wohlwollen als zeitgemäß zu bezeichnende Grafik, die mich an dem Spiel faszinierte. Fallout geht tiefer. Die Umgewöhnung auf Fallout 3, dass im Gegensatz zu Fallout 1 und 2 primär in der Ego-Perspektive – die Grafik wird übrigens durch eine aufgepeppte Oblivion-Engine generiert – und zudem nicht rundenbasiert, sondern – außer ein V.A.T.S.-Kampfsequenzen – in Echtzeit gespielt wird, ging erstaunlich leicht vonstatten. Obwohl ich meine Bedenken bezüglich des neuen Entwicklers und des geänderten Spielprinzips hatte, wurde ich doch positiv überrascht.

Dies gilt übrigens auch für die Systemanforderungen und Performance des Gameplays. Ich zocke der Bequemlichkeit halber auf einem PC, der ausschließlich für Spiele reserviert ist. Beileibe keine Monstermaschine, sondern ein oller Single-Core-Rechner mit 2 GByte RAM und einer Radeon X1950 Pro. Jedes halbwegs moderne Notebook mit passabler dedizierter Grafik und Dual- oder Quad-Core-Prozessor dürfte meinen guten, alten Rechenknecht problemlos abhängen – von reinen Gaming-Notebooks ganz zu schweigen. Die dürften für seine bescheidene Rechen- und Grafikleistung nur ein müdes Displaydeckelklappern übrig haben. Andererseits läuft Fallout 3 auf meiner Büchse absolut problemlos. An Anti-Aliasing in Kombination mit einer wirklich hohen Auflösung brauche ich allerdings gar nicht erst denken. Ihr solltet das Spiel also mit jedem halbwegs zeitgemäßen Notebook problemlos spielen können – diskrete Grafik sollte allerdings vorhanden sein.

Jedenfalls fesselt mich Fallout 3. Aber was fasziniert eigentlich an diesem Spiel? Erstens ist das Setting - ihr spielt nach einem Atomkrieg in einer trostlosen Landschaft, dem "Wasteland" - unverbraucht. Könnt ihr noch mitzählen, wie viel Science-Fiction- oder Fantasy-Spiele im Laufe der Jahre das Licht der Welt erblickt haben? Das Fallout-Thema ist dagegen weitgehend jungfräulich. Außer den drei Fallout-Vertretern haben sich nur wenige Spiele in die Sphäre verirrt. Andererseits ist das aber nicht nur ein Mad-Max-Verschnitt zum Selberspielen, sondern hat einen ganz eigenen Charme. Stellt euch das Fallout-Universum einfach als eine Zukunftsversion der Fünfziger Jahre vor: Knubbelige Autos mit Atomantrieb, schwebende Haushaltsroboter, Energiewaffen, Power-Rüstungen. Dazu aber das Lebensgefühl, der – bis zum Atomkrieg – intakte American Dream und die Musik der 50er.

In den Spielen bewegt man sich dann in den Resten dieser schönen heilen Welt: Eine trostlose, von einem  Dutzende – oder in Teil 3 satte 200 – Jahre zurückliegenden Atomkrieg verheerte Umgebung, in der das Pfeifen das Windes manchmal das einzige Lebenszeichen ist. In diesem Wasteland treiben sich die finstersten Gestalten herum: Raider, mutierte Viecher, Ghule, Supermutanten. Dazu die in Power-Rüstungen gehüllten Soldaten der Brotherhood of Steel und was sonst noch an zwielichtigem Gesindel verschiedenster Fraktionen in der postapokalyptischen Wüstenei herumschleicht. Die letzten nicht mutierten Vertreter der Menschheit krallen sich im Wasteland mit letzter Kraft ans Überleben oder haben in Bunkern, so genannten Vaults, überlebt.

Neben dem ungewöhnlichen, einprägsamen Setting zeichnete sich Fallout seit jeher durch zwei Dinge aus: Seine enorme Entscheidungsfreiheit – für jedes Problem gibt es mehr als einen Lösungsansatz – und schwarzer Humor. Und in der nicht zensierten Fassung natürlich unverhüllte, aber irgendwie zum Spiel passende Gewaltdarstellung. Als echte Rollenspiele leben Fallout-Games von den Gesprächen mit anderen Charakteren, die teils skurille Züge haben. Jedem Fan der Serie wird beispielsweise der ghulische Harold in Erinnerung bleiben. Und vorgestern schlich ich mich an einen Supermutanten und einen zu befreienden menschlichen Gefangen heran, deren Unterhaltung ich amüsiert lauscht. Der Gefangene versuchte den Mutie davon zu überzeugen, dass er ihn nicht schlachten müsse, das Fleisch seiner bereits toten Ex-Mithäftlinge sei doch in rauen Mengen verfügbar. Darauf der riesige Supermutant sinngemäß: "Du bist aber frisch."

Ich LIEBE dieses Spiel. Und hasse es natürlich. Verdammt.

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Autor: Gerald Strömer, 14.11.2008 (Update:  9.07.2012)