Notebookcheck

Gegen das Blendwerk

 

Ich rufe Euch alle, Ihr edlen Technik-Recken des Abendlandes! Es ist die Zeit gemeinsam Schwerter zu ziehen. Noch einmal ins Horn blasen um ins Feld zu ziehen gegen einen übermächtigen Feind!

Gewiß, viele Kreuzzüge gegen diesen Gegner sind bereits gescheitert, zu trickreich und verführerisch präsentieren sich diese strahlenden Streiter. Zu viele haben kapituliert und beugen sich nun gleichmütig und gleichgültig den glänzenden Displays. Doch die Meisten sind einfach ahnungslos, sie lassen sich täuschen von den Verzückungen leuchtender Farben, die ihr schönes Antlitz jedoch nur in dunklen Gemäuern voll entfalten. Ach weh, ihr Armen, die es gewohnt sind, in dunklen Gemäuern Notebooks zu besichtigen um sie dann käuflich zu erwerben oder sie einfach über den Äther bestellen. Ihr seht die glänzenden Bildschirme mit der leuchtenden Farbenpracht und schon ist es um Eure Seele geschehen.

Allzuviele edle Namen erschallen im Heerbann des Feindes:

„CineCrystal“ und „CrystalBrite“ als Abkömmlinge von Acer,

„Color Shine“ von Asus,

AveraBrite“ aus dem kleinen Haus Averatec,

„UltraVivid“ vom Stamme Benq,

„Truelife“ und „UltraSharp“ aus dem Geschlechte Dell,

„BrilliantView“ und „ClearView“ beide aus dem Geschlecht von Fujitsu Siemens,

„Brightview“ von HP,

„VibrantView“ von Lenovo,

„FineBright“ von LG,

„Amazing Crystal Vision“ aus dem Hause MSI,

„Diamond View“ aus dem Hause Packard Bell,

„SuperBright“ aus dem Hause Samsung,

„X-Black“ aus dem Hause Sony,

„TrueBrite“ aus dem Hause Toshiba,

„Crystal Clear“ aus dem Hause Zepto,

ja selbst technische Werke mit dem altehrwürdigen Wappen des Apfels sollen neuerdings glänzen. Ritter unsicherer Herkunft werden einfach „Glare Type“ genannt. All diese Recken mit famosen Namen halten die Erdkreise besetzt und formieren die Reihen der Bösewichte. So viele Notebook-Schmieden, fast alle muss man sagen, statten die endlosen Schlachtreihen mit glänzenden Waffen aus und trachten uns zu blenden. Multimedia schreiben sie sich auf die Fahnen, dem Spiele und der Ergötzung wollen sie meist dienen.

Kristallklar scheint ihr Gewissen. Und dennoch sprach einst ein Finsterling der Marketing-Zunft augenzwinkernd zu mir, dass nur das kristallklar sei, dass weder er, der Bosnigel selbst, noch ich dieses Blendwerk kaufen würden, aber das Volke verlange es. In Wahrheit wollte er sagen, dass die ahnungslosen Jünger des Konsums hereinfallen auf die dämonischen Lockungen. Wohl wissend ob des Dilemmas sind die edlen Anführer der großen Schmieden. Sie wissen was sie tun und dennoch werfen sie das gleißende, eitle Geschmeide unter die unbegreiflicherweise immer noch ahnungslosen einfachen Leute.

Ein Oxymoron scheint es zu sein, ein Widerspruch, ein Paradoxon. Die glänzenden Displays mit ihren leuchtenden Farben trügen Lichtgestalten zu sein. Dabei sind sie der dunklen Seite der Macht verfallen. Sie scheuen das Licht wie Beelzebub das Weihwasser. Die Sonne entlarvt ihr blendendes Antlitz wie ein Spiegel den Vampir. Vampire verbrennen in der Sonne und ebenso meiden die glänzenden Bildschirme unser strahlendes Gestirn. Die Stärke der matten, glanzlosen Schirme dagegen ist das Licht. Nicht das eigene Licht, mit dem sie uns erquicken, nein, das Licht, das über unserem Rücken erstrahlt, sei es eine Neonröhre, eine verschwenderische Glühbirne oder auch eine bescheidenere Energiesparlampe. Doch jeder Zweifel schwindet dahin, wenn nicht künstliches Licht, sondern das natürliche Licht der Sonne erstrahlt. Dabei muss man nicht einmal in einem schmucken Garten verweilen, es reicht das liebliche Licht unseres Sterns, das durch Fenster mahnend auf das Antlitz der portablen Technik fällt.

Dann erblassen die rosigen Gesichter der Getäuschten. Verzweifelt drehen sie das Teufelswerk. Es bleibt nichts anderes zu tun, als die Bildschirme vor dem gnadenlos mahnenden Einfall des Lichtes zu verbergen. Verschiedenste Winkel werden ausprobiert, sie wetzen in ihren Sitzen, als würde üble Pein ihre Glieder heimsuchen. Sie bewegen die Köpfe um auf den Schirm lugen zu können, ohne dass die Netzhaut im gleißenden Licht verbrennt. Die Unerschrockenen, die dem Lichte trotzen, sie riskieren geblendet zu werden und für immer das Augenlichte zu verlieren. Nicht sofort, nein, viel, viel später, wenn keine Zeit mehr bleibt für Reue.

Oft gewettert wurde gegen die Mähr der glänzenden Bildschirme, doch nur zu oft achtlos zurückgewiesen von Sündern. Entspiegelungstechnik umschmeichelt unsere Ohren. Spezialbeschichtungen, die zwar den Glanz erhalten, aber Spiegelungen verhindern sollen. Meist ist es Trugwerk, oh Unglückselige, widersteht doch bloß den falschen Propheten!

Es ist eine alte Fehde, keinesfalls ein neuartiges Menetekel. Einst wurde zu wenig entgegengesetzt, nun sind wir versklavt durch die strahlenden Panele. Die letzten Aufrechten suchen verzweifelt überall nach den letzten Vertretern der matten Displays. Verstreut sind sie in alle Winde, verweht wie welkes Laub in einem nicht enden wollenden Herbst. Fürwahr, ermattet sind sie, doch eigentlich ist gerade das ihre Tugend.

Wie kann man diese Unholde bezwingen? Schwärmet aus und suchet die Ritter des heiligen Grals. Noch gibt es sie, die sich bescheiden „matt“ nennen, in Gefahr sind sie und immer weniger werden sie an der Zahl. Heuert sie an für die gerechte Sache, heget sie, pfleget sie, immer wieder, immerfort, aufrechten Herzens, dann werden die Kräfte der tückischen Blender schwinden, wenn es denn nicht zu spät ist.

Frischen Mutes verbreitet diese Kunde und verlinket sie beherzt, dann seid ihr wahre Kreuzritter!

 

von Stefan Hinum

 

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Porträts des Blendwerks

Schön, wenn man seinen eigenen Garten am Bildschirm betrachten kann.
Schminkspiegel: ok, der Witz ist alt
Die Spiegelung im Scharnierspalt sieht seltsam aus.
Das Holz des Daches erscheint farblich nicht einmal verfälscht zu sein.
Im Garten wird es eindeutig nicht besser.
Der Klassiker: die Leuchtstoffröhren am Bildschirm, da hilft nur noch Gerät drehen, wenn man kann.
Ein neuartiger Touchscreen, wo die Tastatur in Echtgröße am Bildschirm dargestellt wird.
Zebra-Display
Da schmerzt die beleuchtete Hausmauer sicher schon in den Augen.
Sehr gutes Gesamt-Arrangement: die Pflanzen am Bildschirm fügen sich in den Hintergrund ein.
Eindeutig eine Yucca-Pflanze, das erkennt man sofort.
Der Schirm ist eingeschalten und dennoch glaubt man fast Sonnenflecken erkennen zu können.

Porträts der matten Schrifttafeln

Etwas dunkel, aber da herrscht strahlender Sonnenschein.
Auch hier trifft zumindest seitlich ein wenig direktes Sonnenlicht auf.
Etwas sehr matt, aber wenigstens augenschonend.
Man beachte, das Licht scheint von hinten oder zumindest oben zu kommen.
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Autor: Stefan Hinum, 21.12.2008 (Update: 24.01.2018)
Stefan Hinum
Stefan Hinum - Founder, Geschäftsführer, CFO
Mein Tätigkeitsfeld umfasst Finanzen (auch Werbung), die Koordination fremdsprachiger Sprachsektionen sowie die Test-Bibliothek. Im Prä-Notebookcheck-Zeitalter war ich Programmierer für Buchhaltungs-Software.