Path of Exile 2 startet als Version 1.0, aber wo ist der Rest des Spiels?

Grinding Gear Games hat angekündigt, dass Path of Exile 2 den Early Access am 11. Dezember verlassen wird, fast zwei Jahre nach dem Start im Dezember 2024. Technisch handelt es sich dabei um Version 1.0, doch wie eine vollständige Veröffentlichung wirkt das Spiel noch nicht. Zum Beginn des Early Access standen sechs Klassen mit jeweils zwei Aszendenzklassen zur Auswahl. Grinding Gear Games hatte zuvor zwölf Basisklassen mit jeweils drei Aszendenzklassen in Aussicht gestellt, insgesamt also 36. Das Update Dawn of the Hunt führte die Jägerin mit den Aszendenzklassen Amazone und Ritualistin ein. Spätere Updates ergänzten den Druiden mit Orakel und Schamane.
Trotz dieser Fortschritte bleibt der aktuelle Umfang hinter der ursprünglichen Planung zurück. Das auf der Gamescom 2026 gezeigte Material bestätigt, dass als Nächstes der Duellant und Schwerter folgen sollen, zusammen mit mindestens zwei Aszendenzklassen für den Duellanten. Selbst wenn sämtliche Inhalte bis Dezember erscheinen, würden weiterhin erwartete Klassen wie der Marodeur, der Templer und der Schatten fehlen. Dasselbe gilt für die traditionell mit ihnen verbundenen Waffen Flegel, Äxte und Dolche. Außerdem fehlt der Jägerin und dem Druiden weiterhin jeweils eine dritte Aszendenzklasse.
Was genau bedeutet "Version 1.0" überhaupt?
Die Bezeichnung 1.0 vermittelt, dass ein Spiel vollständig ist und alle versprochenen Inhalte umfasst. Diesen Anspruch erfüllt Path of Exile 2 bislang nicht. Die fehlenden Klassen und Waffentypen wurden lange vor dem Beginn des Early Access als zentrale Bestandteile des Spiels vorgestellt. Daher wäre die Erwartung nachvollziehbar, dass die Vollversion mit zwölf Klassen und jeweils drei Aszendenzklassen erscheint, statt nur mit acht oder neun Klassen, während der Rest später nachgereicht wird.
Mit jedem neuen Waffentyp ist zudem eine große Zahl zugehöriger Fertigkeiten verbunden. Speere kamen zusammen mit der Jägerin ins Spiel, während Talismane einen zentralen Bestandteil des Druiden-Updates bildeten. Schwerter, Äxte, Dolche und Flegel stehen damit jeweils für zahlreiche Fertigkeiten, Wechselwirkungen, Unterstützungsgemmen, passive Fertigkeiten und mögliche Builds, die erst mit diesen Waffen verfügbar werden. Ungewöhnliche Builds wie Twister Abyssal Lich und Walking Calamity Smith of Kitava wären ohne Speere und Talismane nicht möglich. Fehlende Waffen verhindern somit auch zahlreiche Builds für Klassen, die normalerweise gar nicht mit ihnen in Verbindung gebracht werden.
Als Path of Exile im Oktober 2013 die Version 1.0 erreichte, war der gesamte geplante Kader verfügbar. Zu den sechs bestehenden Klassen kam die Scion hinzu, womit genau die ursprünglich vorgesehenen sieben Klassen erreicht wurden. Das Aszendenzsystem und das Labyrinth folgten erst später. Obwohl Grinding Gear Games 2013 erheblich kleiner war als heute, lieferte das Studio die angekündigten Inhalte in einem angemessenen Tempo. Bei Path of Exile 2 stellt sich die Situation anders dar.
Was versteht Grinding Gear Games unter "Version 1.0"?
Die Ankündigung wirft eine interessantere Frage auf als die, ob Grinding Gear Games die Early-Access-Bezeichnung technisch einfach entfernen kann: Was genau versteht das Studio unter Path of Exile 2 1.0? Sollte die Veröffentlichung die restliche Kampagne, den Duellanten, Schwerter, zahlreiche Aszendenzklassen und genügend zusätzliche Systeme umfassen, um das Spiel strukturell vollständig wirken zu lassen, ließe sich durchaus argumentieren, dass die fehlenden Klassen lediglich Inhalte für die Zeit nach dem Marktstart sind.
Patch 0.5 hat bereits viele Schwachstellen des Endgames behoben, sodass dieser Teil vorerst keiner größeren Überarbeitung bedarf. Die Platzhalter für noch nicht implementierte Waffentypen im passiven Fertigkeitenbaum erinnern jedoch ständig an die fehlenden Inhalte. Zudem können sie die möglichen Eigenschaften vieler Megalomaniac-Juwelen verschlechtern. Hinzu kommt die weiterhin offene Frage nach "der Vision", also danach, was Path of Exile 2 heute ist und was es ursprünglich sein sollte. Das ist allerdings ein Thema für sich. Letztlich wirkt die "Vollversion" zunehmend wie eine Marketingbezeichnung und weniger wie ein klarer Meilenstein der Entwicklung.
Game Director Jonathan Rogers hat eingeräumt, dass Grinding Gear Games zum Marktstart realistischerweise nicht sämtliche Klassen liefern kann. Immerhin nehmen nun einige der wichtigsten Bestandteile Gestalt an. Zumindest wird die Kampagne abgeschlossen, was besonders für Lore-Fans erfreulich sein dürfte. Auch der Wegfall der Zwischenspiele ist ein Pluspunkt.
Allerdings gibt es einen wichtigen Vorbehalt. Mit Version 1.0 soll Path of Exile 2 voraussichtlich zugleich auf ein Free-to-Play-Modell umgestellt werden. Damit hat Grinding Gear Games einen praktischen Grund, die Early-Access-Bezeichnung abzulegen, selbst wenn noch nicht alle ursprünglich geplanten Klassen und Waffentypen fertig sind. Es dürfte jedoch nur eine Frage der Zeit sein, bis ein neuer Spieler eine Fertigkeitengemme schneidet und sich fragt: "Moment, sollte es nicht noch weitere Klassen geben? Wo sind sie? Muss ich dafür bezahlen? Ist das Spiel nicht Free-to-Play?"
Ist Path of Exile 2 dadurch ein schlechteres Spiel?
Die fehlenden Inhalte machen Path of Exile 2 nicht zwangsläufig zu einem schlechten Spiel. Es gehört zweifellos zu den besten Action-Rollenspielen auf dem Markt und ist vielen Konkurrenten deutlich voraus. Zwar ist es kein besonders einsteigerfreundliches Spiel, für neue Spieler ist es aber wesentlich zugänglicher als der erste Teil, der nach mehr als einem Jahrzehnt mit Inhalten überladen ist. Grinding Gear Games hat den Einstieg unter anderem durch direkt in die Benutzeroberfläche integrierte Build-Guides, Preisprüfungen für Gegenstände und asynchronen Handel erleichtert.
Dennoch lässt sich die Bezeichnung 1.0 angesichts der fehlenden Kerninhalte nur schwer ernst nehmen. Inhaltlich wirkt das Spiel eher wie Version 0.6. Im Idealfall hätte Path of Exile 2 einfach länger im Early Access bleiben können. Das wäre kaum unangemessen gewesen, schließlich steht das Spiel derzeit erst bei Patch 0.5. Würde Grinding Gear Games im bisherigen Tempo mit den Versionen 0.6, 0.7, 0.8 und 0.9 fortfahren, könnte eine auf natürliche Weise erreichte Version 1.0 leicht erst 2028 erscheinen. Für bestehende Spieler wäre das womöglich kein Problem, aus wirtschaftlicher Sicht aber weniger attraktiv.
Die Alternative besteht darin, drei Klassen, mehrere Aszendenzklassen und verschiedene Waffentypen in ein einziges gewaltiges Dezember-Update zu packen. Das wäre eine gute Voraussetzung für eine Flut an Fehlern und defekten Wechselwirkungen. Einige davon ließen sich möglicherweise sofort beheben, andere könnten jedoch jahrelang im Spiel bleiben, insbesondere wenn sie Builds außerhalb der jeweils beliebtesten Spielweisen betreffen.
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