Hintergrund | Bluetooth Auracast kommt in mehr Bahnhöfe und Londons Busse und Stand in Deutschland

Brighton Station bekommt eine Auracast-Installation und Eisenbahnverkehrsunternehmen im Vereinigten Königreich zeigen sich allgemein sehr interessiert an der Technik, das berichtet der auf Barrierefreiheit spezialisierte Journalist Liam O’Dell. Brighton Station, ein wichtiger Endbahnhof im Süden Englands für den Thameslink, hat demnach bereits eine Auracast-Installation bekommen.
Installiert wurde sie im Auftrag der Govia Thameslink Railway (GTR) und könnte in Kürze in Betrieb genommen werden, wie O’Dell erfahren hat. Als Vorbild diente die erste Auracast-Installation im Hauptbahnhof von Bristol (Temple Meads), der ebenfalls in England, aber an der Grenze zu Wales liegt. Neben der GTR sind aber auch weitere Eisenbahnverkehrsunternehmen in UK interessiert. Laut O’Dell sind dies Caledonian Sleeper und East Midlands Railway.
Zudem beobachtet auch die Rail Delivery Group die Situation genau. Im Vereinigten Königreich sollen zudem Bemühungen verstärkt werden, Fahrgäste zusätzlich über die British Sign Language zu informieren – selbst bei Störungen. Der Bahnverkehr stellt sich dort also breiter auf, um Fahrgästen, die eingeschränkt oder gar nicht hören können, weiter zu helfen.
Neben dem Eisenbahnverkehr, wird Auracast aber auch in Bussen bald getestet. Das hat O’Dell zusätzlich von der Transport for London (TfL) erfahren. Einige Busse in London haben übrigens schon Hörgeräteunterstützung via Telecoil, wie Aurahear berichtet. Allerdings funktioniert das nur auf bestimmten Plätzen und es gibt Interferenzen mit dem Bus. Auracast hat das Problem nicht.
Auch hier ist vorerst ein Testlauf mit Auracast geplant. Ansagen im Bus werden direkt von handelsüblichen Kopfhörern, Ohrhörern oder Hörgeräten empfangen, sofern sie mit Auracast kompatibel sind. Da zu TfL nicht nur Busse gehören, sondern beispielsweise auch die Tube und die DLR, hat dies bei Erfolg das Potenzial für eine Umsetzung in einem großen Umfang in der Stadt.
Es braucht nicht einmal ein modernes Smartphone. Solange eine passende App existiert, kann auch der Kopfhörer das Scannen nach Auracast-IDs übernehmen (vergleichbar mit WLAN-SSIDs bei der WLAN-Suche) und dann per iPhone oder Android-Smartphone gesteuert werden. Manche Kopfhörer haben sogar eine Auracast-fähige Fernbedienung. Dann geht es auch ohne Smartphone.
Da es sich bei Auracast nicht um eine Kopplung handelt, sondern um Broadcasting, gibt es auch kein echtes Limit an Empfängern. Solange Platz für Fahrgäste vorhanden ist und die Sender das Signal auf die Entfernung streufen können, kann theoretisch jeder per Auracast Ansagen lauschen. In der aktuellen Phase allerdings nur exklusiv. Musik hören und Auracast empfangen ist noch nicht möglich.
Auf Nachfrage erklärte uns die Bluetooth Special Interest Group aber, dass die Spezifikation dies vorsieht. Fahrgäste können also Musik hören und trotzdem die Auracast-Ansage hören, sollte sie kommen. Die SIG gibt aber auch zu, dass dies aufwendiger zu implementieren ist, da mehrere Audiostreams miteinander koordiniert werden müssen. Uns ist aktuell keine Implementierung bekannt. Die Zeit ist aber noch da, denn es gibt Länder, in denen bisher wenig Aktivitäten zu sehen sind, zumindest im Bahnverkehr.
Nur wenige Auracast-Pläne in Deutschland
In Deutschland sieht es nicht ganz so gut aus. Das größte Projekt wird wohl die neue Auracast-S-Bahn in München werden. Siemens Mobility liefert die neuen Triebzüge der Baureihe 1420 voraussichtlich 2028 aus. Münchener können dann Ansagen auch in lauten Zügen per Auracast lauschen, was heute schon viele Kopf- und Ohrhörer können.
Zumindest in Deutschland muss man sich also so oder so gedulden. Abseits des S-Bahn-Projekts sind uns keine weiteren konkreten Projekte bekannt, auch wenn wir von Entwicklungen bereits erfahren haben. Offiziell wird das aber nicht kommuniziert. Die Deutsche Bahn reagierte auf eine Anfrage vor einiger Zeit beispielsweise gar nicht erst. Reaktionen haben wir im Februar zwar von Nahverkehrsbetrieben bekommen, doch alle sagten ab. Die Münchener MVG sagte uns, dass sie keine Pläne hat. Auch die Frankfurter VGF hat keine Pläne.
Die Berliner BVG äußerte sich noch am ausführlichsten: "Ob und in welcher Form neue Lösungen bei der BVG zum Einsatz kommen können, prüfen wir jeweils im Hinblick auf ihren Mehrwert für unsere Fahrgäste, ihre technische Umsetzbarkeit und die finanziellen Rahmenbedingungen. Zum aktuellen Zeitpunkt gibt es keine Pläne, die Technik Auracast einzusetzen." Das passt allerdings nicht zu der Eigendarstellung, dass sich die BVG weltweit als internationaler Vorreiter beim Thema Barrierefreiheit sieht (PDF).
Die Hamburger Hochbahn hat ebenfalls keine Pläne für eine Nutzung von Auracast: "[V]or Einführung neuer Anwendungen [wird sich] im Vorfeld mit den entsprechenden Behindertenverbänden, dem Kompetenzzentrum Barrierefreies Hamburg sowie dem Hamburger Verkehrsverbund [abgestimmt]. Hintergrund ist, dass neue Anwendungen einerseits durch die Verbände auf ihren Mehrwert hin betrachtet werden und es andererseits nach Möglichkeit einheitliche Standards im Verbund geben soll." Das deutet darauf hin, dass hier enorme bürokratische Hürden zu erwarten sind, bevor überhaupt erst ein Test in einer U-Bahnstation oder auch einem Zug starten kann.
Eine Absage haben wir übrigens auch aus Nürnberg erhalten. Auch dort gibt es keine Pläne. Kurios war die Reaktion der Pressestelle der S-Bahn Berlin. Die konnte mit unserer Anfrage offensichtlich nichts anfangen und leitete diese an die Kundenbetreuung weiter – ohne Reaktion.
Für alle Betriebe gilt übrigens, dass sie auch das Telecoil-System mit Induktionsschleife nicht unterstützen. Viele Hörgeräte können darüber Signale empfangen. In Deutschland ist das blaue Zeichen mit einem Ohr und einem T ohnehin nur selten zu sehen. Auch hier ist das Vereinigte Königreich deutlich weiter.
Es sieht also in Deutschland aktuell nicht danach aus, als würde es bald flächendeckend Auracast geben, um die aktuellen Defizite auszugleichen – zumindest nicht im Bahnbereich.
Im Luftverkehr sieht es mit Auracast besser aus
Derweil ist Deutschland aber im Bereich der Luftfahrt vorne. Denn der erste Auracast-Pilot an einem Flughafen ist schon vom Frankfurter Familienunternehmen Sittig Technologies gestartet worden. Die Lufthansa Gates A16 und A17 des Flughafen Frankfurt Terminal 1 nutzen Auracast und der Test ist gerade erst verlängert worden. Es handelt sich dabei um eine Retrofit-Lösung. Die Mic-Stations an den Flugsteigen wurden einfach mit einem Auracast-Modul erweitert. Auch wenn die Antenne im Gehäuse bleiben muss: Das reicht, um bis zu den Nachbargates zu funken. Die Ansage-Software PAXGuide hat passend dazu ein Auracast-Modul bekommen.
Für das Flughafenpersonal ist das eine praktische Lösung, denn das muss nicht erst geschult werden. Wird das Mikrofon aktiviert, wird das Audio-Signal nämlich parallel zu den Lautsprechern per Auracast in die Gate-Umgebung verschickt. Für Flughäfen ist das also eine recht einfache Lösung, um die Barrierefreiheit zu verbessern.
Der Flughafen Frankfurt sieht daher Auracast auch als eine Chance, um die Defizite bei der Unterstützung beim Hören auszugleichen. Auch Frankfurt hat keine Telecoil-Anlage. Als einer der wenigen Flughäfen mit so einer Anlage gehört der vergleichsweise neue Flughafen Berlin-Brandenburg dazu. Der hat immerhin drei Telecoil-Installationen, aber jeweils nur in PRM-Bereichen (People with Reduced Mobility). An den Flugsteigen gibt es keine Ansageschlaufen. Auch dort wäre Auracast also hilfreich, obwohl es Telecoil-Anlagen gibt.
Sittig Technologies ist an vergleichsweise vielen Flughäfen (international) vertreten und hat die Technik sogar auf der Passenger Terminal Expo in London präsentiert. Wie das Unternehmen uns auf Nachfrage sagte, "befinden sich bereits mehrere konkrete Projekte in der Planungsphase" und es zeigten sich viele an der Technik interessiert.
Im Luftfahrt-Umfeld arbeitet übrigens auch Panasonic an einer Auracast-Umsetzung in Flugzeugen. Ansagen der Kabinen- oder Cockpit-Crew können dann auch gehört werden, wenn der Fluggast gerade mit seinen eigenen Geräten und möglicherweise einem ANC-Kopfhörer Musik hört. Das wird dem Vernehmen nach aber wohl noch eine Weile brauchen. Panasonic hatte auf der Aircraft Interiors Expo 2025 Auracast hinter verschlossenen Türen immerhin Industriekunden gezeigt. Dieses Jahr gab es aber nichts Neues zu vermelden bezüglich einer Nachrüstung im Android-basierten Astrova-System.
Viel Aktivität gibt es zudem in Spielstätten. Die Bluetooth SIG hat dazu auch eine eigene Webseite aufgesetzt, die diverse Orte listet, an denen Auracast bereits genutzt werden kann. Da sich die Orte aber selbst registrieren müssen, ist die Liste eher unvollständig. Einige Orte, über die Notebookcheck.com in der Vergangenheit berichtet hat, fehlen dort nämlich.
Wer will kann übrigens mit einem modernen Smartphone auch selbst Auracast-Aussendungen starten. So lässt sich diese Hörhilfe also auch spontan etwas aufsetzen. Einige Android-Smartphones neuerer Bauart, darunter fällt die S26-Serie, können dies. Allerdings sind die Optionen oft versteckt und Auracast muss nicht notwendigerweise Auracast heißen. Der Kopfhörer-Hersteller Creative Labs verbaut zwar beispielsweise teilweise Auracast, dokumentiert das aber kaum unter diesem Begriff. Creative Labs setzt lieber auf den generischen Begriff Broadcast, wie auch so mancher Smartphone-Hersteller.
Die technischen Voraussetzungen für den Einsatz von Auracast sind also längst geschaffen. Smartphones, Kopfhörer und Ohrhörer sind mit der Technik in größerer Auswahl zu finden. Angefangen bei günstigen Lösungen von Anker und Earfun bis hin zu teureren Lösungen von JBL, Samsung oder auch Sennheiser. Die Hörgeräteindustrie ist ebenfalls gut vorbereitet bis hin zu Auracast-fähigen Cochlea-Implantaten oder auch speziellen Lösungen für Spielstätten und Großinstallationen, wie Ampetronic sie liefert. Letzterer hat übrigens kürzlich einen Auracast-Sender in Schwarz angekündigt. Das Interesse geht also über das rein Technische hinaus. Die Geräte des Typs Auri TX2N müssen auch in die Architektur passen oder unauffällig sein, was mit den weißen Geräten nicht so einfach ist. Gerade wenn Theater damit ausgestattet werden müssen.

Quelle(n)
Liam O’Dell & Eigene Recherchen





