KI-Tool REA knackt Bezahlsoftware kinderleicht für jeden: Ist das Geschäftsmodell der Softwarebranche am Ende?

Es wurde vorhergesagt, nur etwas anders: Statt sich in langfristiger Zukunft Software selbst kaufen zu müssen, lässt man sich die gewünschte Funktion durch seine KI-Agenten einfach selbst programmieren. Jetzt kommt hinzu: Nimm eine teure Bezahl-App auf deinem PC, lasse das Tool REA (Github) drüber laufen und schon kennt deine KI den kompletten Code und Funktionsweisen des Profi-Tools und kann es anschließend als Open Source nachbauen.
Vor einigen Tagen hatten wir bereits über den Programmierer und Unternehmer Brandon Thomas berichtet, der aus Ärger über Adobe einfach mal nahezu die gesamte Adobe Suite als Open Source unter dem Projektnamen ArtCraft für jeden zugänglich nachgebaut hat, inklusive Premiere, After Effects und Co. Thomas hat dabei jahrelange Programmiererfahrung, aber was wenn das bald jeder könnte?

Hier kommt das neue Open Source Tool REA ins Spiel: die Abkürzung steht für Reverse Engineer Anything. REA verbindet KI-Coding-Agenten wie Claude Code oder Codex über das Model Context Protocol (MCP) mit Reverse-Engineering-Werkzeugen wie Ghidra, Hopper und IDA.
Was macht REA und wie?
REA untersucht also (auf Anweisung in natürlicher Sprache) eine Software, um zu verstehen, wie sie arbeitet, auch wenn der ursprüngliche Quellcode nicht verfügbar ist. REA kann zwar nicht immer den ursprünglichen Quellcode exakt wiederherstellen, aber es kann lesbaren Code anhand der Funktionsweisen rekonstruieren. Mit der Rekonstruktion gibt REA einem KI-Agenten genug Anhaltspunkte, um Teile davon nachzubilden, im Idealfall mit vergleichbarem Ergebnis, aber mit neu geschriebenem Code. Dadurch wird eine eigene Version programmiert, die dasselbe Ergebnis liefert.
Durch die eigene Implementierung mit neuem Code könnte auch die praktische Durchsetzung des Urheberrechts schwieriger werden, denn der ursprüngliche Quellcode wurde ja nicht gestohlen. Und genau darin liegt das Potential einer möglichen Marktdisruption. Denn eine Software nur funktional nachzubauen ist rechtlich etwas anderes, als ihren geschützten Quellcode zu kopieren.

Warum ist das relevant?
Die Einstiegshürde sinkt durch REA deutlich und die App ist sicherlich erst der Anfang. Statt alles verstehen zu müssen, kann man der KI in natürlicher Sprache Fragen und Aufgaben stellen. Momentan ist aber noch immer einiges an technischem Wissen notwendig (Installation, Werkzeuge, Überprüfung der Ergebnisse). Allerdings versprechen YouTube und Co leicht verständliche Anleitungen, um einige der Hürden zu umschiffen.
Zugänglicheres Reverse Engineering könnte so einen Technologiesprung markieren. Nachbau von Software wird billiger. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass kleine Player davon zwangsläufig profitieren, denn gleichzeitig könnte sich der Wettbewerb verschärfen und weg von Funktionen und Code-Exklusivität hin zu mehr Bedienbarkeit, Zuverlässigkeit, Daten, Ökosysteme, Kundensupport, Vertrauen und laufende Weiterentwicklung verschieben. Hier haben die großen Konzerne einen Vorsprung, kleine Entwickler könnten so unter noch mehr Druck geraden.
Funktioniert das und wenn ja wie leicht ist es?
Ich habe REA nicht mit dem starken Claude Code ausprobiert, das ist mir zu teuer. Ich verwende die werbefinanzierte und dafür kostenlose App Freebuff.
Darin habe ich die KI angewiesen REA und alle Abhängigkeiten sowie MCP und Ghidra zu installieren. Das lief im Folgenden voll automatisch ab, ich musste nichts mehr tun.
Dann wollte ich eine App nachbauen. Nicht so kompliziert wie ein Game aber auch nicht so leicht wie ein Taschenrechner sollte es sein, spontan fiel mir der VLC Media Player ein. Also habe ich folgenden Prompt eingegeben:

Der Agent fing an zu arbeiten, stellte mir noch drei Fragen und war nach etwa 10 bis 15 Minuten fertig, ich hatte meinen VLC-Klon. Ich wurde noch darauf hingewiesen, dass als Engine Chromium statt libVLC verwendet wird und einige Videoformate nicht funktionieren würden. Das ließe sich aber auch noch ändern.


Der "Own Player" hat von Anfang an funktioniert. Eine mp3 ließ sich einfach ins Fenster ziehen und schon wurde sie abgespielt. Auch Ordner ließen sich öffnen (aber nicht inklusive Unterordner), Tastaturkürzel zum Spulen, Muten etc. funktionierten wunderbar. Nur der Vollbildmodus zeigte ein schwarzes Bild.
Insgesamt aber war der Outcome für ein paar Minuten Arbeit beeindruckend. Nach der Installation genügte quasi ein einziger Prompt und die Beantwortung von 3 Multiple-Choice-Fragen, um eine App zu erstellen.
Fazit
Reverse Engineering ist nicht neu. Aber durch KI fallen die Einstiegshürden und machen das Procedere immer einfacher, selbst für Non-Coder. Und genau das könnte das Softwareurheberrecht auf die Probe stellen: Wenn jeder Normalo ohne Schwierigkeiten aus Bezahl-Apps seine eigenen Apps nachbauen kann, könnte das das Geschäft der Softwareanbieter gefährden.
Zwar ist nicht jede Kopie erlaubt, doch Funktionen lassen sich unter bestimmten Voraussetzungen nachbauen, ohne den Originalcode zu übernehmen. Für Softwareanbieter könnte damit ausgerechnet ihr teuer entwickelter Code als Wettbewerbsvorteil an Bedeutung verlieren, selbst wenn ihre Urheberrechte unangetastet bleiben. Das könnte den Softwaremarkt nachhaltig und womöglich auf disruptive Art umkrempeln.
Früher hat man eine Software gekauft und diese Kopie besessen. Dann kam das Zeitalter der Subscriptions, Software wurde nur noch zur Nutzung lizenziert. Wenn jeder seine eigenen Apps (nach)bauen kann, wird das wohl auch Auswirkungen auf das Lizenzmodell von Software haben.







