Deine alte GMX-Adresse gehört nach einem Jahr jemand anderem

Die Adresse von 2011 benutzt niemand mehr. Sie steht noch in einem Formular, bei einem Shop, den man einmal im Jahr aufruft, oder als Kontaktadresse in einem Konto, an das man selten denkt. Das Postfach selbst hat seit Jahren niemand geöffnet.
Bei GMX und WEB.DE läuft dafür eine Uhr. In Ziffer 5.3 der Allgemeinen Geschäftsbedingungen steht bei beiden Anbietern derselbe Satz. Nach sechs Monaten ohne Login dürfen die gespeicherten Nachrichten und Dateien "ohne Rückfrage" gelöscht werden. Nach zwölf Monaten geht es weiter, denn dann ist der Anbieter "berechtigt, die vom Nutzer registrierten E-Mail-Adressen freizugeben und anderen Nutzern zur Verfügung zu stellen".
Die Adresse verschwindet also nicht. Sie wechselt den Besitzer.
Wann die Uhr stehen bleibt
Zu der Frist kursiert ein hartnäckiges Missverständnis. In Foren liest man, nur die Anmeldung im Browser setze den Zähler zurück. Die AGB nennen ausdrücklich drei Wege, nämlich Webbrowser, Mail-App und E-Mail-Programm. Wer sein altes Postfach in Thunderbird oder in der Handy-App eingerichtet hat und dort tatsächlich noch Mails abruft, hält es damit am Leben.
Das gilt allerdings nur, solange der Abruf wirklich läuft. Ein Konto, das vor drei Handywechseln eingerichtet wurde, holt in der Regel längst nichts mehr ab, auch wenn es in irgendeiner App noch aufgeführt ist.
Zwischen den beiden Fristen liegt ein halbes Jahr, und dieses halbe Jahr ist eine Chance. GMX schreibt in der eigenen Hilfe ausdrücklich, dass eine Anmeldung auch nach der Löschung der Postfach-Inhalte weiterhin möglich ist. Wer die Warnmail bemerkt oder von sich aus nachsieht, verliert in diesem Fenster also die alten Nachrichten, behält aber die Adresse. Wer erst nach zwölf Monaten aufwacht, hat unter Umständen beides verloren.
Was an dieser Adresse hängt
Der Schaden entsteht nicht im leeren Postfach, sondern bei den Diensten, die noch darauf zeigen. Fast jede Anmeldemaske hat einen Link mit der Aufschrift "Passwort vergessen". Dahinter liegt in den meisten Fällen genau ein Weg, nämlich eine Mail an die hinterlegte Adresse. Wer diese Adresse kontrolliert, kontrolliert das Konto.
Bei Google heißt das Feld "E-Mail-Adresse zur Kontowiederherstellung" und sitzt im Konto unter Sicherheit. Bei Microsoft laufen dieselben Angaben unter "Sicherheitsinformationen". Bei Shops, Foren und kleineren Diensten gibt es oft gar keine getrennte Wiederherstellungsadresse, dort ist die Kontaktadresse zugleich der Rückweg.
Apple bildet die Ausnahme und schickt beim vergessenen Passwort zuerst auf ein vertrautes Gerät, also auf ein iPhone oder einen Mac, das bereits angemeldet ist und eine Gerätesperre hat. Die Mailadresse ist dort nicht der Hauptweg. Dieselbe Mechanik eine Ebene tiefer hat die alte Handynummer, und welche Geräte sonst noch in deinen Konten stehen, zeigt die Geräteliste.
Die Adresse vom alten Arbeitgeber
Ein zweiter Fall trifft Menschen, die nie ein Freemail-Postfach hatten. Wer während der Ausbildung oder im alten Job die Firmenadresse für private Dinge benutzt hat, gibt sie mit der Kündigung ab. Was danach mit ihr geschieht, entscheidet die IT-Abteilung.
Microsoft beschreibt den Standardweg in der eigenen Anleitung für Administratoren. Verlässt jemand das Unternehmen, lässt sich laut Dokumentation die Adresse des früheren Mitarbeiters einem anderen Mitarbeiter zuweisen oder das Postfach in ein gemeinsames Postfach umwandeln. Beides ist üblich und aus Sicht der Firma vernünftig, denn laufende Vorgänge sollen nicht verlorengehen.
Für den privaten Rückweg bleibt es trotzdem ein Problem. Der Nachfolger bekommt dann die Mail, mit der ein Shop das Passwort zurücksetzt. Er muss dafür nichts Böses im Sinn haben, es reicht, dass die Nachricht bei ihm ankommt.
Google und Microsoft räumen bei privaten Konten ebenfalls auf, allerdings langsamer. Beide setzen zwei Jahre ohne Anmeldung an. Google darf danach Konto und Inhalte löschen und kündigt das per Mail an das Konto selbst und an die Wiederherstellungsadresse an. Wenn diese Adresse die tote von früher ist, kommt die Warnung nirgends an. Gelöschte Gmail-Adressen vergibt Google immerhin nicht neu.
Was du in zehn Minuten erledigst
Melde dich zuerst einmal in jedem alten Postfach an, das noch existiert. Damit läuft die Frist von vorne, und du siehst nebenbei, welche Dienste dorthin schreiben. Die Betreffzeilen der letzten Monate sind eine ziemlich vollständige Liste deiner vergessenen Konten, und sie kostet dich keine Recherche.
Danach kommt die Umstellung auf eine Adresse, die du täglich liest. Bei Google steht das unter Sicherheit, bei Microsoft unter Sicherheitsinformationen, bei Shops meistens schlicht im Profil. Wo es eine getrennte Wiederherstellungsadresse gibt, sollte sie bei einem anderen Anbieter liegen als das Hauptkonto, sonst hängen beide am selben Ausfall.
Zum Schluss die unbequeme Frage, ob dieses Postfach selbst abgesichert ist. Ein Konto, das nur noch als Rückweg dient, braucht trotzdem ein eigenes Passwort und eine Zwei-Faktor-Anmeldung, denn es öffnet im Zweifel alle anderen. Wie du die Ersatzcodes dafür aufbewahrst, ohne sie einem Infostealer in die Hände zu spielen, steht in unserem Beitrag zu den Notfallcodes.
Ist die Adresse längst weg und trägt jemand anderes sie inzwischen, hilft der Weg über die Dienste selbst. Bei den meisten Anbietern lässt sich die Kontaktadresse ändern, solange du dich noch mit Passwort anmelden kannst, und genau das solltest du dann bei jedem betroffenen Konto zuerst tun. Erst wenn auch das Passwort fehlt, wird aus der Aufräumarbeit ein Support-Fall mit ungewissem Ausgang.
Wer das alte Postfach wirklich nicht mehr braucht, stellt zuerst alle Dienste um, die noch darauf zeigen, und löscht es erst danach. Die Adresse ist anschließend genauso frei wie nach dem Ablauf der Frist, nur zu einem Zeitpunkt, den du selbst bestimmst.








