Huawei Watch D3 kommt auch mit EKG
Offenlegung: Dieser Artikel wurde von einer promovierten, praktizierenden Ärztin fachlich begleitet und in Bezug auf die medizinischen Sachverhalte inhaltlich geprüft. Die Nennung des Klarnamens erfolgt zum Schutz der Privatsphäre nicht, die Kontaktdaten liegen der Redaktionsleitung vor.
Mit der von uns getesteten Watch D3 (bei Huawei erhältlich) bietet Huawei eine neue Smartwatch mit starkem Fokus auf die Gesundheitsfunktionen an, welche wir auch schon testen konnten. Eine zunehmend in Wearables integrierte Funktion ist die Möglichkeit, ein Elektrokardiogramm anzufertigen und auch automatisiert auszuwerten. An dieser Stelle wichtig zu wissen: Wir haben bereits nachweisen können, dass auch günstige Smartwatches durchaus gute Elektrokardiogramme anfertigen können. Der Knackpunkt ist aber die Auswertung: Wer nicht gerade Medizinerin oder Mediziner ist, sollte sich auf diese eben verlassen können. Wir können an dieser Stelle nur dazu raten, für diesen Zweck ausschließlich zertifizierte Medizinprodukte wie eben die Huawei Watch D3 zu nutzen.
Technische Hintergründe
Technisch gesehen handelt es sich bei einem EKG um ein vergleichsweise einfaches und direktes Messsystem: Durch den Kontakt mit zwei voneinander isolierten Elektroden wird ein passiver Messkreis über den Körper geschlossen. Das Herz erzeugt mit jedem Schlag winzige Potenzialänderungen in den Herzmuskelzellen, die von der Sensorik erfasst werden. Im Gerät selbst findet anschließend eine Aufbereitung des Signals statt, insbesondere der Gleichspannungsversatz muss herausgefiltert werden. Dieser Einschwingvorgang lässt sich unserer Erfahrung nach zu Beginn der Messung sogar auf dem Display beobachten: Das Signal schwingt sich in kürzester Zeit sichtbar ein, während die Automatik die Verstärkung und den Filterpegel optimal einstellt.

Wearable vs. Medizintechnik
Leser, bei denen schon einmal ein medizinisches EKG geschrieben wurde, können sich möglicherweise noch daran erinnern, dass in der Arztpraxis, im Krankenhaus oder im Rettungswagen nicht nur zwei Elektroden eingesetzt werden. Der absolute Standard stellt das 12-Kanal-EKG dar, welches 10 Elektroden benötigt. 12 Kanäle stehen dabei für Ableitungen. Ableitungen beschreiben dabei, von wo nach wo die Potenzialdifferenz gemessen wird.
Auf den ersten Blick mag das ein wenig überflüssig erscheinen, da es doch nur um die Herzaktivität geht. Tatsächlich geht es in der medizinischen Diagnostik aber nicht nur um die Gesamtaktivität, stattdessen werden verschiedene Bereiche des Herzens betrachtet. Eine Smartwatch hingegen zeigt nur die Ableitung I nach Einthoven ab, also vom rechten Arm zum linken Arm. Damit wird die elektrische Aktivität der Seitenwand angezeigt. Die Ableitung II nach Einthoven, die vom rechten Arm ins linke Bein verläuft, zeigt hingegen die Aktivität der Hinterwand an. In der Praxis hat das erhebliche Bedeutung: So kann (!) beispielsweise selbst mit einem perfekt von einer Smartwatch angefertigten (oder jedem anderen 1-Kanal-Elektrokardiographen mit der Ableitung I) EKG und der Auswertung eines Facharztes ein Hinterwandinfarkt oder Schäden in diesem Bereich unentdeckt bleiben. Darauf weisen Wearable-Hersteller und auch Huawei konkret allerdings deutlich hin.
Eine EKG-Smartwatch ist kein Allheilmittel
Die Huawei Watch D3 bietet dabei wie jede andere Smartwatch mit EKG auch keine vollumfängliche Diagnostik. Was die Huawei Watch D3 allerdings leisten kann: Die recht zuverlässige „Diagnostik“ von Rhythmusfehlern, welche wiederum einen bedeutenden Risikofaktor für ein kardiovaskuläres Ereignis darstellen können. Im Gegensatz zur Messung beim Arzt ist die Huawei Watch D3 immer dabei, was einen großen Vorteil darstellt. So ist es im Prinzip jederzeit im Alltag und damit ebenso an der Haltestelle wie beim Sport möglich, Anzeichen für eine Rhythmusstörung zu erkennen. Selbst bei einem 24-Stunden-EKG kann es im unglücklichen Fall dazu kommen, dass eine Rhythmusstörung eben nicht erkannt wird, weil sie innerhalb des 24-Stunden-EKGs nicht auftritt. Gleichwohl ist die Messzeit bei der Huawei Watch D3 aber natürlich auch auf 30 Sekunden je Messung beschränkt.
Letztlich hängt das Erfassen flüchtiger Rhythmusstörungen stark vom statistischen Zufall ab. Eine pauschale Wertung, ob die Alltagspräsenz einer Smartwatch das klassische 24-Stunden-EKG aussticht, lässt sich kaum treffen. Beide Ansätze haben ihre strukturellen Vor- und Nachteile. Die Smartwatch erhöht durch ihre ständige Eintragsbereitschaft aber schlicht die Trefferchance in genau dem Moment, in dem Beschwerden auftreten.
An dieser Stelle ist die Huawei Watch D3 durchaus kritikwürdig: Ich hätte mir von Huawei schon den großen Aufschlag auch im Bereich EKG gewünscht, so beispielsweise die Möglichkeit, mit einer anklippbaren Elektrode auch weitere Ableitungen anzufertigen, oder ein EKG auch über Nacht anzufertigen. Im Wearable-Bereich würde Huawei wie auch schon bei der direkten Blutdruckmessung mit Manschette eine echte Vorreiter-Rolle einnehmen.

Selbsttest und Beurteilung der EKG-Qualität
Wir haben zum Test der definitiv nicht empfehlenswerten iHeal 6 (der Vertrieb wurde nach dem Erscheinen unseres Test eingestellt) andere Ableitungen als eigentlich vorgesehen mit einer EKG-Smartwatch erzeugt. Das diente uns damals als Nachweis, dass die iHEAL 6 auch tatsächlich Messdaten aufnimmt und nicht nur, wie wahrscheinlich bei den Blutzuckermessungen, Werte im Normbereich erfindet. Selbiges haben wir nun mit der Huawei Watch D3 gemacht, aber nicht, um die Uhr möglicherweise zu enttarnen, sondern eher als medizinisch-technische Exploration. Im Prinzip lassen sich weitere Ableitungen anfertigen. Praktisch relativ einfach ist das mit den Ableitungen vom rasierten Unterschenkel zum Arm machbar. Die Elektrokardiogramme lassen sich gleich als PDF exportieren.
Das Urteil der Ärztin ist durchaus positiv: Die Ableitungen lassen sich etwa in Bezug auf eine (hoffentlich nicht vorhandene) ST-Streckenhebung auswerten, auch wenn der Fokus ganz klar auf der Analyse des Herzrhythmus liegt. Gleichwohl: Bequem wäre die Auswertung verschiedener Ableitungen nicht. Normalerweise werden die einzelnen Ableitungen in einem EKG und auf einem Blatt oder Bildschirm untereinander angezeigt. Die Watch D3 erstellt für jede Ableitung einen PDF-Report. Als Ersatz für ein 12-Kanal-EKG ist die Huawei Watch D3 aber auch nicht gedacht. Es sind auch etwa keine Brustwandableitungen (sinnvoll) möglich, so lassen sich ohne zusätzliche Bastelarbeiten nur Ableitungen vom beziehungsweise zum Arm darstellen. Auch hier noch einmal: Das wertet die Huawei Watch D3 nicht ab, wir wollen hier dediziert einen Einblick in die medizinischen Hintergründe geben.

Fazit
Pauschale Ratschläge sind bei Gesundheitsthemen und noch einmal insbesondere von einem IT-Medium schwierig. Die eigene Herzgesundheit sollten Leserinnen und Leser jedoch in jedem Fall im Auge behalten, dafür sind kardiovaskuläre Ereignisse schlicht zu häufig und oft mit großem Leid sowie anhaltenden Beeinträchtigungen verbunden. EKG-Smartwatches wie die Huawei Watch D3 können dabei durchaus ein sinnvoller Baustein für die Vorsorge im Alltag sein, dürfen jedoch keinesfalls zu einer trügerischen Sicherheit verleiten.
Personen mit einer entsprechenden Familienanamnese oder Beschwerden sollten sich unbedingt ärztlich durchchecken lassen. Liegt ein konkreter Anlass vor, gehen Ärztinnen und Ärzte mit EKG-Messungen aufgrund der überschaubaren Kosten in der Praxis meist sehr großzügig um - auch wenn ein Standard-Ruhe-EKG mittlerweile leider kein fester Bestandteil des regulären Check-ups ab 35 mehr ist.











