Steam: 16 Jahre altes PC-Spiel landet in 2 Wochen auf 750.000 Wunschlisten

Manche Spiele starten erfolgreich auf Steam. Andere sammeln offenbar 16 Jahre lang ein Publikum, bevor sie feststellen, dass es immer noch da ist.
Das erstmals 2010 veröffentlichte Physik-Sandboxspiel Happy Wheels ist am 21. September für 4,99 Euro auf Steam erschienen. Der Start hätte leicht als weiteres nostalgisches Comeback eines Browserspiels durchgehen können. Doch Entwickler Jim Bonacci nannte kurz vor der Veröffentlichung eine überraschende Zahl: Innerhalb von etwa zwei Wochen nach dem Erscheinen der Steam-Seite hatten 750.000 Menschen das Spiel auf ihre Wunschliste gesetzt.
Bonacci selbst scheint davon ebenso überrascht gewesen zu sein. In seiner offiziellen Ankündigung zum Steam-Launch schrieb er, er habe realistischerweise mit "vielleicht höchstens 5.000" Einträgen gerechnet. Die tatsächlichen 750.000 bezeichnet er dabei als "absurd".
Statt 5.000 landet das Spiel auf 750.000 Wunschlisten
Der Unterschied ist beträchtlich. Nimmt man Bonaccis eigene Erwartung von 5.000 Wunschlisteneinträgen als Vergleich, fiel die tatsächliche Zahl 150-mal so hoch aus. Bei genau zwei Wochen wären das durchschnittlich rund 53.600 Einträge pro Tag gewesen. Bonacci nannte allerdings nur die Gesamtzahl von 750.000, keine Tageswerte.
Warum landet ein Spiel, das seit 16 Jahren gespielt werden kann, plötzlich auf 750.000 Steam-Wunschlisten? Bonacci lieferte selbst eine mögliche Erklärung: Das Spiel habe gewissermaßen "auf einer isolierten Insel im Weltraum geschwebt". Das Bild passt durchaus. Happy Wheels war in der Ära der Browserspiele und Gaming-Videos auf YouTube weithin bekannt. Irgendwo im Internet verfügbar zu sein, ist jedoch etwas anderes, als direkt im Shop vor einem großen PC-Publikum zu erscheinen.
Die Zahlen deuten darauf hin, dass Steam das Spiel sehr schnell wieder mit diesem Publikum in Kontakt gebracht hat. Zeitweise führte Happy Wheels laut SteamDB die Rangliste der Wunschlistenaktivität an und lag auf Platz 17 der Steam-Bestseller. Für den 21. September verzeichnete SteamDB zudem einen anfänglichen Höchststand von 3.193 gleichzeitig aktiven Spielern.
Diese Spielerzahl sollte nicht überbewertet werden. Ein Höchststand von 3.193 macht Happy Wheels nicht zu einem der größten Steam-Starts, und ein Wunschlisteneintrag führt nicht zwangsläufig zu einem Kauf. Steam veröffentlicht selbst keine Wunschlistenzahlen. Die Angabe von 750.000 stammt daher ausdrücklich von Bonacci.
Gerade darin liegt das Interessante: Hier haben nicht 750.000 Menschen gleichzeitig einen neuen Blockbuster gespielt. Ein 16 Jahre altes Spiel hat nach seinem Erscheinen auf Steam plötzlich bei 750.000 Menschen Kaufinteresse geweckt, obwohl sein Entwickler offenbar nur mit einem Bruchteil davon gerechnet hatte.

Mehr als fünf Millionen Level
Die Steam-Version ist keine Neuveröffentlichung, bei der die Community ihre alten Inhalte erst wieder aufbauen müsste. Laut der offiziellen Steam-Seite bietet sie Zugriff auf mehr als fünf Millionen von Nutzern erstellte Level. Auch der Leveleditor ist enthalten, mit dem die Community dieses umfangreiche Archiv geschaffen hat.
Hinzu kommen einige neue Funktionen: Die Steam-Version unterstützt Controller, Steam-Erfolge und Statistiken sowie das Herunterladen von Levels für die Offline-Nutzung. Bestehende Happy-Wheels-Konten lassen sich mit einer Steam-ID verknüpfen. Im Levelbrowser können Spieler außerdem ein Datum auswählen und so ältere Kreationen der Community durchstöbern.
Die Steam-Version enthält zudem keine Werbung, anders als es bei einem Spiel aus der Browser-Ära vielleicht zu erwarten wäre. Happy Wheels läuft nativ unter Windows und Linux.
Spieler zahlen für eigentlich kostenloses Browser-Game
Vor der Veröffentlichung stellte sich noch eine Frage: Würden Spieler knapp 5 Euro für ein Spiel ausgeben, das sie vor allem als kostenloses Browserspiel kennen? Die Reaktionen am ersten Tag deuten darauf hin, dass viele dazu bereit sind.
Zum Zeitpunkt der Abfrage hatte Happy Wheels auf Steam bereits mehr als 1.000 Nutzerbewertungen erhalten, von denen rund 95 Prozent positiv waren. SteamDB verzeichnete am Veröffentlichungstag außerdem einen Höchststand von 3.193 gleichzeitig aktiven Spielern. Diese Zahlen werden sich mit der Zeit verändern. Bemerkenswert ist dennoch, wie schnell ein Spiel Anklang gefunden hat, dessen Grundidee längst bekannt ist.
Darin liegt eine gewisse Ironie: Happy Wheels ist nicht zurückgekehrt, weil jemand ein vergessenes Spiel wiederentdeckt hat. Es gehörte bereits zur früheren Internet-Spielkultur. Bekannt wurde es für seine unerbittliche Physik, von Nutzern erstellte Hindernisparcours und die oft spektakulär scheiternden Versuche, verletzliche Figuren ans Ende eines Levels zu bringen. Geändert hat sich offenbar vor allem die Verkaufsplattform.
16 Jahre nach der ursprünglichen Veröffentlichung hat Happy Wheels auf Steam anscheinend eine Nachfrage gefunden, mit der selbst sein Entwickler nicht gerechnet hatte. 750.000 Wunschlisteneinträge innerhalb von zwei Wochen sind für ein seit 2010 öffentlich spielbares Spiel ungewöhnlich. Offenbar braucht ein altes Spiel nicht unbedingt ein neues Publikum. Manchmal reicht es, wenn sein früheres Publikum es wiederfindet.
Laut Bonacci wird die Entwicklung nach der Veröffentlichung fortgesetzt. Geplant sind Verbesserungen für die Steuerung per Controller und auf dem Steam Deck, Offline-Unterstützung, Erfolge und Fehlerbehebungen. Die ungewöhnlichste Zahl stammt vorerst allerdings aus der Zeit vor dem Verkaufsstart: 750.000 Wunschlisteneinträge, obwohl Bonacci mit etwa 5.000 gerechnet hatte.








