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Urwahn Platzhirsch E-Bike-Test: Das smarte Pedelec aus dem 3D-Drucker markiert sein Revier

3D-gedruckter Stahlrahmen. Der deutsche E-Bike-Hersteller Urwahn punktet nicht nur mit schickem Design und Innovationen, sondern auch mit ausgefallenen Namen. Der Platzhirsch hat kein Geweih, dafür aber einen Mahle Nabenmotor mit 40 Nm an Bord. Wie sich das E-Bike im Alltag schlägt, verrät unser Test des Urwahn Platzhirsch.

Dank E-Bikes, aber auch einiger anderer Innovationen ist in den letzten Jahren recht viel Bewegung auf den klassischen Zweiradmarkt gekommen. Zahlreiche Startups duellieren sich um Kunden und bieten innovative Lösungen für die Mikromobilität in der Stadt sowie Spaßmobile für die Freizeit.

Eines der noch recht jungen Unternehmen ist Urwahn aus Magdeburg, die neben dem klassischen Fahrrad Stadtfuchs unter anderem auch mit dem elektrisierten Platzhirsch aufwarten. Was auf den ersten Blick eher nach einem Ausdruck aus dem Jägerjargon klingt, ist ein stylisches Urban E-Bike mit 250 W und 40 Nm starkem Mahle Heckmotor. Und genau das haben wir uns für diesen Testbericht genauer angeschaut…

Stahlrahmen aus dem 3D-Drucker

Shimano XT 1-/11-fach Schaltung
Shimano XT 1-/11-fach Schaltung

Beginnen wir gleich mit einer Besonderheit des Platzhirsch von Urwahn. Der Stahlrahmen wird nicht nur komplett in Deutschland gefertigt, sondern kommt auch aus dem 3D-Drucker – zumindest teilweise. Einige Teile werden 3D-gedruckt und dann mit weiteren Teilen verschweißt. Sichtbare Schweißnähte gibt es nicht, was dem Fahrrad zusammen mit der internen Zugverlegung einen schönen und cleanen Look gibt. Dazu trägt auch die Tatsache bei, dass der Akku komplett im Rahmen integriert ist. 

Bevor wir speziell auf den Punkt des Antriebes eingehen, noch ein paar allgemeine Informationen zum Urwahn Platzhirsch. Das City E-Bike ist entweder als Single-Speed-Version mit einem wartungsarmen Gates Carbon Drive Riemenantrieb oder, wie bei unserem Test-Bike, mit einer Shimano XT 1-/11-fach-Schaltung mit 50Z/11-36Z bestückt. Dazu kann es auf Wunsch mit Tubus HR Gepäckträger und Schutzblechen vorne und hinten (beides am Test-Bike montiert) sowie einem GPS-Tracker (war zum Testzeitpunkt leider nicht lieferbar) und einer Hexlox Diebstahl-Komponentensicherung konfiguriert werden.

Praktisch, für ein E-Bike aber wahrlich nichts Besonderes, ist die elektrische Beleuchtung. Sie ist schlicht und schick im Lenker sowie der Sattelstütze integriert, leuchtet ausreichend hell und kann über das Steuerelement des Antriebs ein- und ausgeschaltet werden – womit wir auch schon zum nächsten Thema kommen…

Motor und Akku: 40 Nm Nabenmotor und integrierter Akku

Für elektrische Tretunterstützung bis Pedelec-konformen 25 km/h sorgt ein Mahle ebikemotion X35+ Nabenmotor am Hinterrad. Er bringt es bei einer Leistung von maximal 250 Watt auf ein Drehmoment von 40 Nm.

Das ist im Vergleich zu anderen E-Bike-Motoren von Bosch, Shimano und Co relativ überschaubar. Da die Kraft aber direkt auf das Hinterrad wirkt, kann der Nabenmotor auch mit auf dem Papier stärkeren Antrieben mithalten. Der Antrieb bringt ca. 3,5 kg auf die Waage und ist unscheibar in der Hinterradnabe verbaut. Das gesamte E-Bike wiegt in unserer getesteten Konfiguration mit Gepäckträger und Schutzblechen rund 16 kg. Die Basisversion bringt es auf leichte 14,5 kg.

Rudimentäre Bedienung mit iWoc Trio Steuerelement

Bedient wird der Antrieb über das links am Lenker montierte Mahle ebikemotion iWoc Trio Steuerelement. Es kommt mit drei Tasten und zwei LEDs aus. Über die mittlere Taste wird das E-Bike ein- und ausgeschaltet. Oben und unten lässt sich durch die drei Unterstützungsstufen Eco, Normal und Sport/Boost schalten. Sie werden auch farblich dargestellt - wobei Orange und Rot für Normal und Boost bei direkter Sonneneinstrahlung leider nicht immer ideal erkennbar sind - und unterscheiden sich selbstredend durch die Menge an elektrischer Tretunterstützung. Je mehr der Motor beim Radeln unter die Arme greift, desto geringer fällt am Ende natürlich auch die Reichweite aus. Zudem können Licht und Schiebehilfe durch langes Drücken am Bedienelement aktiviert werden.

Kompakter Heckmotor Mahle ebikemotion X35+
Kompakter Heckmotor Mahle ebikemotion X35+
Bedieneinheit iWoc Trio am Lenker links
Bedieneinheit iWoc Trio am Lenker links

Auch über den Akkufüllstand informiert das iWoc Trio – zumindest rudimentär. Je nach verbleibender Ladung leuchten die LEDs in 25-Prozent-Schritten in unterschiedlichen Farben. Ein klassisches Display, das neben der Akkuladung auch über Fahrdaten informiert, gibt es leider nicht. Dies muss die App übernehmen, die wir gleich thematisieren. Letztendlich passen die vereinfachte Bedienung und Ausstattung aber auch ganz gut zu dem reduziert und schlicht daherkommenden E-Bike.

"Unsichtbarer" Akku mit solider Reichweite

Gespeist wird der Motor aus einem "unsichtbar" in das dennoch recht dünne Unterrohr integrierten Akku mit einer Kapazität von 250 Wh. Damit verspricht der Hersteller eine Reichweite von bis zu 80 km. Was davon im Alltag ankommt, schildern wir weiter unten in unserem Urwahn Platzhirsch Test.

Der Akku ist nicht herausnehmbar, kann somit nicht einfach zum Laden ausgebaut oder mit einfachen Mitteln ausgetauscht werden. Das mag für den einen oder anderen mit Wohnsitz im x-ten Stock ein K.O.-Kriterium sein. Aufgrund des für ein E-Bike überschaubaren Gewichts lässt sich der Platzhirsch aber auch mal geschultert die Treppe hinauftragen.

Der Ladeanschluss ist ganz unten im Bereich des Tretlagers und damit leider nicht ganz so leicht zugänglich, wie wir uns dies gewünscht hätten. Der Ladevorgang mit dem knapp 500 g schweren Ladegerät dauert von 0 auf 100 Prozent rund 4 Stunden.

Etwas schwierig erreichbarer Ladeanschluss
Etwas schwierig erreichbarer Ladeanschluss
Der Lieferumfang mit Ladegerät, Pedale, Werkzeug und Anleitungen
Der Lieferumfang mit Ladegerät, Pedale, Werkzeug und Anleitungen

App: Bietet alles, was man braucht und fungiert auch als Tacho

In den beiliegenden Unterlagen empfiehlt Urwahn die Installation der Mahle ebikemotion App, um das Smartphone mit dem E-Bike zu verbinden. Das ist nicht mehr ganz korrekt, denn mittlerweile hat der Motorenhersteller seine neue und verbesserte App My SmartBike am Start. Die kann ebenfalls kostenlos für iOS und Android geladen werden.

Nach einer kurzen Einrichtung inklusive Registrierung/Login und Verbindungsaufbau via Bluetooth (siehe Bilder oben), was in unserem Test reibungslos verlief, erscheint der Platzhirsch in der App. Dort lassen sich dann allerhand Einstellungen vornehmen, z. B. das Motorkennfeld für die verschiedenen Unterstützungsstufen individuell anpassen. Dazu sind unter anderem eine Verbindung mit Strava, ein Pulsometer zur Koppelung der Motorunterstützung an den Puls (erfordert entsprechendes Zubehör für die Pulsmessung) und weitere Features möglich. Dazu trackt die App die Aktivität und listet vergangene Fahrten auf.

Der primäre Zweck der App ist im Zusammenspiel mit dem Urwahn Platzhirsch aber definitiv die Funktion als Bordcomputer. Denn ein Display bietet das E-Bike bekanntermaßen nicht. Daher ist es ratsam, sich das zum eigenen Smartphone passende SP Connect Phone Case (ab ca. 25 Euro bei Amazon für viele verschiedene Modelle erhältlich) zu besorgen, um das Smartphone an der verbauten SP Connect Halterung am Steuersatz zu befestigen.

So ist der Bildschirm immer im Blick, um über die aktuelle Geschwindigkeit, Distanz und Zeit sowie den Ladezustand und die Reichweite des Akkus informiert zu sein. Für den Test lag eine entsprechende Handyhülle nicht vor. Leider bietet das Urwahn Platzhirsch keinen USB-Anschluss, um das Smartphone während der Fahrt zu laden. Denn zu bedenken ist natürlich, dass die Nutzung der App auch den Smartphone-Akku leert. Zwei Stunden Nutzung haben auf einem iPhone 12 Pro im Test knapp 10 Prozent Akku verbraucht. Dazu kommt der erhöhte Verbrauch durch die Ortungsfunktion.

SP Connect Smartphone-Halterung am Steuersatz
SP Connect Smartphone-Halterung am Steuersatz

Insgesamt macht die App einen übersichtlichen und aufgeräumten Eindruck. Die wichtigen Fahrdaten wie Geschwindigkeit, zurückgelegte Strecke, Zeit und Akkustand werden auf der Übersicht in Echtzeit angezeigt und lassen sich auch aufzeichnen.

Nach einer getrackten Fahrt listet die App diese in den Aktivitäten auf und wertet die Tour aus. Neben Gesamtzeit, Distanz, Durchschnittsgeschwindigkeit und Streckenprofil stellt die App die Fahrtroute auf einer virtuellen Karte (bei aktiviertem GPS des Smartphones) dar. Dazu lassen sich Geschwindigkeits- und Streckenprofil, Durchschnittstempo und weitere Infos in Zahlen und Graphen einsehen. Praktisch ist auch der dritte Screen, der über die gewählten Unterstützungsstufen im Zeitverlauf und prozentual, die maximale Motorleistung (im Test 7,9 A), die Entladekurve und der Durchschnittsverbrauch pro Kilometer (rund 2,8 W/km) einsehen.

Theoretisch lässt sich das E-Bike auch komplett ohne die App nutzen, auch wenn es dann über die Fernsteuerung am Lenker nur rudimentäre Informationen zur Akkuladung gibt.

Fahreigenschaften: Angenehmes Fahrgefühl und gutes Handling

Bevor es auf die erste Ausfahrt mit dem Platzhirsch gehen kann, stehen nach der Lieferung ein paar Montagehandgriffe an. Der Lenker muss geradegerückt, die Pedale angeschraubt und der Sattel auf die passende Höhe eingestellt werden. Das war es auch schon, also wahrlich kein Hexenwerk. Zumal Urwahn neben den Pedalen auch das Werkzeug und eine detaillierte Anleitung beilegt.

Dann kann es endlich auf die Straße gehen. Das ist der Belag, auf dem sich das Urwahn Platzhirsch am wohlsten fühlt. Aber auch der eine oder andere unwegsame Weg lässt sich mit dem City E-Bike meistern, auch wenn hier die Gravel-Variante Waldwiesel sicherlich die bessere Alternative wäre.

Nach ein bis zwei Pedalumdrehungen greift der Motor je nach gewählter Unterstützungsstufe mehr oder weniger stark unter die Arme, sodass sich aus dem Stand zügig Tempo aufnehmen lässt. Der Krafteinsatz ist fließend, sodass man ihn zur Kenntnis nimmt, er aber nicht unangenehm auffällt oder sich gar in den Vordergrund spielt. Andersherum merkt man nach einigen Kilometern im normalen (zweiten) Modus nach dem Deaktivieren der Tretunterstützung erst so richtig, wie angenehm und gut der Antrieb beim Vortrieb hilft.

Passend zum spritzig agierenden Motor passt die Wendigkeit des leichten E-Bikes samt sportlicher Sitzposition. Zudem bietet der Rahmen dank seiner speziellen Form und Bauweise gepaart mit den restlichen Komponenten auch einen gewissen Komfort, selbst ohne eine verbaute Federung. Wald- und Sandwege sind nicht die große Herausforderung, auch wenn die Reifen kaum Profil bieten. Kopfsteinpflaster ist aber wahrlich kein Freund des Urwahn Platzhirsch. Verzögert wird mit 160 mm großen Scheibenbremsen vom Typ Shimano BL-MT200 vorne und hinten.

Realistische Reichweite von 80 km

Nach dem Aufladen zeigt die App eine theoretische Reichweite von 109 km. Die fällt dann aber nach den ersten gefahrenen Kilometern doch noch um einiges. Nach einer Testrunden mit gut 23 km Länge durch die Stadt und über Land mit mehreren Stops und diversen Hügeln, meist gefahren im zweiten, teils bei Anstiegen auch im dritten Modus, sowie einer Beladung von rund 100 kg zeigt der Akku noch 72 Prozent Ladestand an. Hochgerechnet kommen die vom Hersteller anvisierten 80 km somit ganz gut hin.

Das ist gerade gemessen an der recht überschaubaren Akkukapazität ein beachtlicher Wert, erreichbar vor allem dank des sparsamen Motors und des geringen Eigengewichts. Wem die ohne Ladestopp zurücklegbare Entfernung nicht langt, der kann über einen 208 Wh großen Range Extender am Flaschenhalter für laut Hersteller bis zu 60 Zusatzkilometer sorgen. Die UVP hierfür beträgt rund 600 Euro.

Fazit: Urwahn Platzhirsch hinterlässt Duftnote im Test

Das Urwahn Platzhirsch E-Bike hat sich im Test gut geschlagen
Das Urwahn Platzhirsch E-Bike hat sich im Test gut geschlagen

In der vorliegenden Testversion mit 11-Gang-Kettenschaltung, Schutzblechen und Gepäckträger beläuft sich der Preis des Urwahn Platzhirsch auf knapp 5.500 Euro. Das ist auch für ein E-Bike durchaus kein Schnäppchen, sodass man sich als Kunde schon bewusst für die individuelle Optik und die 3D-gedruckte Rahmenfertigung in Deutschland entscheiden muss. Vergleichbare E-Bikes wie das noch smartere Cowboy 4 gibt es teils für deutlich weniger. 

Unabhängig vom Preis hat das Urwahn Platzhirsch im Test aber einen guten Eindruck und eine markige Duftnote hinterlassen. Es ist hochwertig und tadellos verarbeitet, sieht schick aus und ist erst auf den zweiten oder dritten Blick als E-Bike zu erkennen.

Die Motorunterstützung ist sehr angenehm umgesetzt und für die Ausrichtung des Zweirads absolut ausreichend dimensioniert. Gleiches gilt auch für den eigentlich überschaubar großen Akku, der aber dennoch für eine beachtliche Reichweite von um die 80 km langt. Bewusst muss einem vor dem Kauf allerdings sein, dass das Smartphone als Bordcomputer-Ersatz stets griffbereit sein sollte, wenn man während der Fahrt wichtige Fahrdaten im Blick haben möchte.

Preis und Verfügbarkeit

Urwahn bietet seinen Platzhirsch im eigenen Shop ab einer UVP von 4.699 Euro in fünf Rahmengrößen (XS, S, M, L, XL) an. Neben verschiedenen Farben, die teils aufpreispflichtig sind, lässt sich auch die Ausstattung konfigurieren und an die eigenen Wünsche anpassen, z. B. mit Schutzblechen, Gepäckträger und GPS-Tracker.

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Autor: Marcus Schwarten,  5.06.2022 (Update:  6.06.2022)