CL1-Wetware-Computer spielt Doom: Lebende Gehirnzellen als Rechenzentren verbrauchen kaum Strom – anders als Nvidia-GPUs

Das Biotech-Startup Cortical Labs hat die nach eigenen Angaben weltweit ersten biologischen Rechenzentren vorgestellt. Anstelle von Racks voller stromhungriger Nvidia-GPUs laufen diese mit lebenden menschlichen Gehirnzellen, die in Siliziumchips integriert sind und jeweils nur etwa 30 Watt verbrauchen.
Das Herzstück dieser Zentren ist der CL1, ein biologischer „Wetware“-Computer, der erstmals auf dem MWC 2025 angekündigt wurde. Jede Einheit beherbergt rund 800.000 Neuronen, die im Labor aus menschlichen Stammzellen gezüchtet wurden. Eine nährstoffreiche Lösung hält sie am Leben, während ein Multi-Elektroden-Array sie mit elektrischen Signalen speist und ihre Antworten erfasst.
Das Display des CL1 zeigt die Vitalwerte der Neuronen an, während das System Temperatur, Gasmischung und Abfallfiltration steuert, um die menschlichen Gehirnzellen bis zu sechs Monate lang nutzbar zu halten. Der CL1 ist ein eigenständiges Rechensystem, das rund 35.000 US-Dollar (etwa 30.000 Euro) kostet. Ein ganzes Rack dieser Einheiten verbraucht lediglich 850 bis 1.000 Watt und erfüllt damit das Versprechen der sogenannten Wetware-Computing-Technologie, extrem niedrigen Energieverbrauch zu ermöglichen.
Im Vergleich dazu verbraucht eine einzige Nvidia-GPU in einem typischen KI-Rechenzentrum 6.000 Watt. Angesichts explodierender Energiekosten und einer KI-Infrastruktur, die Strom geradezu verschlingt, geraten die Stromnetze an ihre Belastungsgrenzen. Cortical Labs bewirbt sein biologisches Computing daher als grundlegend andere Architektur, die weitaus nachhaltiger ist als siliziumbasierte GPUs.
Der Clou dabei ist, dass die Neuronen nicht im herkömmlichen Sinne trainiert werden müssen, da sie sich als Reaktion auf Reize selbst anpassen und neu vernetzen – eine Fähigkeit des menschlichen Gehirns, die der Menschheit seit Jahrtausenden gute Dienste leistet. Der frühere „DishBrain“-Prototyp des Unternehmens brachte sich beispielsweise selbst bei, einfache Spiele wie Pong zu spielen, während die neueste CL1-Einheit bereits deutlich komplexere Titel wie Doom völlig eigenständig bewältigen kann, wie im Video unten demonstriert wird.
Cortical Labs nennt diesen hybriden Ansatz „Synthetic Biological Intelligence“ (SBI) und betreibt ihn über ein proprietäres Betriebssystem für biologische Intelligenz namens „biOS“. Laut Unternehmen kann die Software zwischen den Neuronen und den ihnen übertragenen Aufgaben vermitteln. Forscher können über die neu gestartete „Cortical Cloud“ aus der Ferne auf das System zugreifen, deren Betriebsmodell genialerweise als „Wetware-as-a-Service“ bezeichnet wird.
Für 300 US-Dollar (etwa 260 Euro) pro Einheit und Woche können Wissenschaftler aus aller Welt Code direkt auf den lebenden neuronalen Netzwerken implementieren, testen und deren Leistung messen. Cortical Labs hat seine erste derartige Anlage in Melbourne lediglich als Machbarkeitsnachweis eröffnet. In Singapur baut das Unternehmen jedoch derzeit in Partnerschaft mit dem lokalen Anbieter DayOne Data Centers eine wesentlich größere Anlage.
Es erübrigt sich zu sagen, dass die zweidimensionalen Neuronenschichten des Unternehmens im Vergleich zur tatsächlichen Gehirnarchitektur simpel sind, aber die biologischen Rechenzentren stellen eine interessante Anwendung von organischem Wetware-Computing dar, das auf Neuronen statt auf Transistoren basiert.




