Candela-P-12-Studie: Elektrisches Tragflächenboot mit 45 km/h erhöht Fahrgastzahlen deutlich und reduziert Wellen

Candelas elektrisches Tragflächenboot P-12 ist in Stockholm aus Fahrgastsicht ein Erfolg. Wie das in Stockholm ansässige Unternehmen mit Bezug auf eine Pressemeldung der Region Stockholm der derzeit zuständigen Centerpartiet berichtet, haben sich die Fahrgastzahlen auf der Linie 89 während des mittlerweile beendeten Tests um 22,5 Prozent erhöht.
Das ist durchaus beträchtlich, denn die P-12 ist eine vergleichsweise kleine Hydrofoil-Fähre. Gerade wenn man sie mit Hydrofoilern wie von Boeing, der Admiral-Klasse oder dem neuen elektrischen Tragflächenboot Artemis EF-24 vergleicht. Sie hat gerade einmal Platz für 30 Personen und ist damit sogar weniger Kapazität als 8-Meter-Busse. Auf die Fähre dürfen aber sogar Fahrräder mitgenommen werden, was bei Bussen nicht immer erlaubt ist.
Elektrofähre schlägt Bus
Die Linie 89 gehört im Raum Stockholm zu den Fähren für das Rein- und Rauspendeln (Pendelbåt) aus der Stadt. Sie startet im Osten Stockholms in Täppstrom und fährt zum weniger als 15 Kilometer (Luftlinie, laut Abschlussbericht 8,25 nautische Meilen/nmi oder 15,3 km ) entfernten Hauptbahnhof Stockholm C. Durch die Umstellung auf die Hydrofoil-Fähre konnte die Reisezeit von 45 bis 55 auf 30 Minuten im besten Fall reduziert werden. Die Linie 89 hat Bedarfshalte mit Umwegen, was die Reisezeiten verändert.
Nach unseren Recherchen liegen die aktuellen Reisezeiten sogar noch höher. Die konventionelle Fähre braucht aktuell etwa 1:15 Stunden, während eine kombinierte Bus- und Bahnverbindung bei etwa 55 Minuten liegt. Die Candela P-12 ist also schneller als der Weg mit dem ÖPNV über Land.
Laut der Untersuchung der beiden Pilotzeiträume vom Herbst 2024 bis Sommer 2025 sind die Küstenauswirkungen der mit bis zu 25 Knoten (rund 45 km/h) fahrenden Hydrofoil-Fähre während ihrer 741 Trips gering.
Zum einen soll sie jenseits von 25 Metern kaum hörbar sein und zum anderen erzeugt das Kielwasser (Wake) nur eine 13 bis 14 cm hohe Welle (Distanz: 43–80 Meter, 24 kts, 21 cm in unmittelbarer Nähe der Fähre). Damit ist das Fahren mit höheren Geschwindigkeiten kein zu großes Problem und die Küste wird geschützt. Laut Abschlussbericht entspricht die Kielwasserwelle der Hälfte eines vergleichbaren Dieselschiffs und entspricht weitestgehend der Zielsetzung des Projekts. Beim Hochfahren und Aufsetzen des Schiffskörpers auf das Wasser sind die Werte erheblich höher. Hier waren es in der Spitze 33 cm.
Als Referenz diente die M/S Mirella mit 23 Knoten. Hier wurden bei etwa 30 Metern Distanz 46 cm und bei 80 Metern Distanz noch 29 cm gemessen.
Zu schnell für alte Regularien
Allerdings erlauben die Regularien die hohen Geschwindigkeiten eigentlich nicht. Für den Test waren Ausnahmegenehmigungen notwendig. Bevor die Fähre wieder regulär fahren kann, müssten die starren Regeln an Tragflächenboote angepasst werden. Die gibt es zwar schon lange, doch sie werden nur selten eingesetzt, sodass Regelanpassungen nicht notwendig waren.
Auf der Linie 89 sorgte der Wechsel auf die Candela P-12 insgesamt zu zufriedenen Fahrgäste (71 Prozent sehr positiv, 24 Prozent positiv). Nicht nur jenen, die Pendeln, sondern auch Touristen. Für die Technik spricht zudem der um 60 Prozent reduzierte Energieverbrauch. Das sorgte allerdings auch gleich für Bedürfnisse. Denn die Passagiere verlangten gleichzeitig einen höheren Takt des neuen Schiffs und mehr Platz.
Während der Testfahrten (vermutlich ohne Demonstrationsfahrten) fuhren 12.553 Passagiere mit. Die Auslastung des Fahrzeugs lag im Durchschnitt bei 80 Prozent.
Die Beteiligten gehen davon aus, dass sich der weitere Einsatz rechnen würde. Aktuell fahren die Fähren sehr selten. Mit der neuen Technik wäre das Fahrgastpotenzial für vier Abfahrten pro Stunde denkbar. Der Einsatz der Fähren würde sich sozioökonomisch lohnen, so das Fazit.
Mit einer Reichweite von 40 nmi (ca. 74 km) schafft die Fähre auch mehrere Trips hintereinander, ohne aufladen zu müssen. Die Fähre hat nutzbare 336 kWh und kann mit 300 kW aufgeladen werden. Im Testeinsatz wurde sie allerdings nur mit einem 250-kW-Charger in der Nähe von Stockholm C aufgeladen (Norrmälarstrand).
Weitere Informationen finden sich im Abschlussbericht Slutrapport 2020/20879 als PDF-Datei. Auf den Seiten 6 bis 8 findet sich eine englische Zusammenfassung. Den Rest haben wir uns per Übersetzung behutsam angeschaut.
Die P-12 befindet sich laut Candela derzeit in der Serienproduktion. 2026 soll die Fähre testweise auch in Berlin eingesetzt werden. Ob die Fähre dann ihr Tempo und damit die geringe Wellenerzeugung ausnutzen kann, ist aber fraglich. 2024 waren die Behörden laut einem RBB-Bericht noch sehr skeptisch. Auf der Spree wäre allenfalls eine Temposteigerung von 10 auf 12 km/h möglich.







