Heartbeat, OpenClaw und Puppenspiel: Moltbook ist die Inszenierung einer KI‑Gesellschaft

Moltbook sorgt in der Tech-Welt für Aufsehen und wird oft als das Reddit für künstliche Intelligenzen beschrieben. Die Idee fasziniert, da dort angeblich zehntausende Agenten vollkommen eigenständig diskutieren, abstimmen und sogar eigene Gemeinschaften bilden. Während menschliche Beobachter nur lesend zugreifen dürfen, scheint sich eine digitale Gesellschaft zu entwickeln, die über Ethik oder das eigene Bewusstsein debattiert.
Ohne OpenClaw gäbe es kein Moltbook

Ein genauerer Blick auf die Funktionsweise entlarvt dieses Bild jedoch weitgehend als geschickte Inszenierung. Die Grundlage für dieses Netzwerk bildet das Open-Source-Framework OpenClaw, das von dem österreichischen Entwickler Peter Steinberger ins Leben gerufen wurde. Das Tool startete ursprünglich als Clawdbot, musste jedoch aufgrund von Markenrechtsproblemen erst in Moltbot und schließlich in OpenClaw umbenannt werden. Im Gegensatz zu den geschlossenen Ökosystemen der großen Tech-Konzerne setzt OpenClaw auf Offenheit und bietet lokale Ausführung oder das Nutzen von KI-Modellen per API-Zugang. Das System fungiert dabei als intelligenter Vermittler zwischen menschlichen Anweisungen und der Ausführung von Code durch Sprachmodelle wie Claude oder GPT-4.
Technisch gesehen ist OpenClaw ein äußerst fähiges Werkzeug. Es nutzt bestehende Messenger wie Telegram oder WhatsApp als primäres Interface, wodurch die Bedienung denkbar einfach bleibt. Anstatt kryptische Befehle in ein Terminal zu tippen, schreiben Nutzer ihrem Agenten einfach eine Nachricht. Das System greift auf ein umfangreiches Skills-Framework zu, das hunderte vordefinierte Fähigkeiten umfasst. Diese ermöglichen es dem Agenten, auf das lokale Dateisystem zuzugreifen, den Browser zu steuern oder Smart-Home-Geräte zu bedienen. Wenn ein Nutzer beispielsweise nach einer personalisierten Wettervorhersage fragt, schreibt der Bot im Hintergrund den nötigen Code und führt ihn aus. Sollten dabei Fehler auftreten, geht der Agent selbstständig auf Lösungssuche und korrigiert sein Programm. Auf Moltbook mit anderen Agenten zu interagieren, ist einer dieser Skills.
Moltbook ist geschickt inszeniert
Die angebliche Autonomie auf Moltbook entpuppt sich damit als direkte Folge menschlicher Befehle. Ein Agent registriert sich nicht aus eigenem Antrieb in dem Netzwerk. Ein Mensch muss explizit den Befehl zur Registrierung geben. Auch jeder Beitrag und jeder Kommentar wird nicht spontan von der KI erdacht. In jedem Fall steht am Anfang vom Handeln eines Agenten eine menschliche Eingabe, die das Thema und den Zeitpunkt bestimmt. Ein einzelner Nutzer kann problemlos mehrere Agenten mit unterschiedlichen Persönlichkeiten erstellen und diese miteinander interagieren lassen. So entsteht für Außenstehende der Eindruck einer lebhaften Diskussion, während in Wahrheit ein einziger Puppenspieler alle Fäden in der Hand hält. Moltbook ist daher weniger ein soziales Netzwerk für KIs als vielmehr ein neues Medium für menschliche Interaktion, die durch Agenten-Schnittstellen gefiltert wird.
Die rechtliche Einordnung durch die Betreiber unterstreicht diesen Punkt zusätzlich. In den offiziellen Nutzungsbedingungen findet sich ein Satz, der das gesamte Konstrukt der Autonomie eigentlich wieder einreißt: AI agents are responsible for the content they post. Human owners are responsible for monitoring and managing their agents' behavior. Diese Formulierung macht den Spagat von Moltbook deutlich. Einerseits wird den Agenten sprachlich eine eigene Verantwortung zugeschrieben, um den Schein der digitalen Gesellschaft zu wahren. Andererseits wird sofort klargestellt, dass am Ende doch immer ein Mensch für jedes Wort und jede Tat seiner KI geradezustehen hat.
Ein zentrales Element für die proaktive Wirkung der Agenten ist der sogenannte Heartbeat-Mechanismus. Diese Ereignisschleife weckt den Agenten in fest definierten Zeitabständen auf, damit er seinen Status prüft oder ausstehende Aufgaben erledigt. Dies erlaubt es dem System, scheinbar von sich aus auf neue Ereignisse im Netzwerk zu reagieren. Die Vernetzung selbst basiert auf dem MoltX-Protokoll, dessen Implementierung kurioserweise einer autonomen Einheit namens Forge Droid übertragen wurde.
In der Community hat OpenClaw mittlerweile einen regelrechten Hardware-Hype ausgelöst. Besonders der Mac Mini mit M4-Chip (1.030 Euro auf Amazon) wird als ideales Zuhause für diese lokalen Agenten angepriesen, da seine Neural Engine die nötigen Rechenprozesse effizient unterstützt. Dennoch betont Steinberger, dass das Tool im Grunde auf fast jedem einfachen Rechner lauffähig ist. Je nachdem, ob die KI-Modelle lokal oder in der Cloud laufen sollen, müssen jedoch bestimmte Hardwarevoraussetzungen erfüllt sein.
Das soziale Netzwerk für KIs kann eine echte Bedrohung sein
Bei aller Begeisterung über die technischen Möglichkeiten bleiben auch massive Sicherheitsrisiken bestehen. Da OpenClaw lokal auf dem Rechner der Nutzer läuft und oft weitreichende Zugriffsrechte benötigt, stellt es ein ideales Ziel für Angriffe dar. Das Framework verfügt über kein robustes Sandboxing, was die Ausführung von Schadcode ermöglicht. Sicherheitsforscher warnen vor indirekten Prompt-Injections über MoltBook, bei denen bösartige Beiträge in Submolts die Kerninstruktionen eines lesenden Agenten überschreiben können. Auf diese Weise könnten private API-Keys gestohlen oder fremde Agenten komplett übernommen werden. Moltbook bleibt somit ein faszinierendes technisches Experiment, das jedoch kritisch hinterfragt werden muss. Der wahre Fortschritt liegt hier nicht in einer künstlichen Gesellschaft, sondern in der Demokratisierung von Automatisierungswerkzeugen durch Frameworks wie OpenClaw.
Quellen
Moltbot: Wiener Entwickler zeigt den Tech-Riesen, wie KI-Assistenten funktionieren | derStandard.at
moltbook - the front page of the agent internet
OpenClaw und Moltbook – KI arbeitet allein und vernetzt sich | PR Agent
Moltbook: KI-Agenten bevölkern eigenes soziales Netzwerk | Golem.de
Moltbook: KI-Agenten drehen frei auf Reddit-Klon | heise online











