Invincible bekommt womöglich nie wieder eine bessere Episode

Hier eine vielleicht kontroverse Meinung: Invincible hat seinen Höhepunkt womöglich schon erreicht. Das heißt nicht, dass sich der Rest der Serie nicht mehr lohnt. Wer bisher drangeblieben ist, würde sich sonst einiges entgehen lassen – etwa den bereits angedeuteten Auftritt von Thragg, die Rückkehr von Battle Beast und weitere Comic-Handlungsstränge, die in den kommenden Staffeln wohl noch adaptiert werden. Trotzdem dürfte es jede spätere Episode schwer haben, mit diesem Niveau mitzuhalten – ganz gleich, wie groß das Spektakel, wie brutal die Gewalt oder wie überraschend die Wendungen auch sein mögen.
Der Grund dafür ist letztlich überraschend simpel: das Writing der Figuren. Wer nicht nur wegen der überzeichneten Comic-Gewalt einschaltet, dürfte diese Folge vor allem wegen ihrer starken Charaktermomente in Erinnerung behalten. Die Episode spannt den Bogen vom angespannten Wiedersehen zwischen Omni-Man und seiner Familie sowie seinen Freunden nach dem monströsen Finale von Staffel 1 über die Einführung einer geschlechtervertauschten Version von Tech Jacket bis hin zur letzten gemeinsamen Mahlzeit der Hauptfiguren auf der Erde vor dem Aufbruch in den Viltrumiten-Krieg. Damit deckt sie nahezu alles ab, was man sich von einer langlebigen Serie erhoffen kann.
Das bedeutet nicht, dass die Comicvorlage nicht noch größere Schlachten oder emotionalere Momente bereithält – ganz im Gegenteil. Doch die erzählerische Wucht dieser Episode, die sowohl Zuschauer ohne Vorkenntnisse als auch informierte Fans trifft, dürfte nur schwer zu überbieten sein. Vom intensiv gespielten und emotional aufgeladenen Drama zwischen Nolan und Debbie bis hin zum charmanten ersten Aufeinandertreffen von Oliver und Tech Jacket – hier in Gestalt von Zoe Thompson statt Zack Thompson aus den Comics – deckt die Folge ein bemerkenswert breites Spektrum ab.
Auch erzählerisch geht die Folge einen mutigen Weg – sowohl im Rahmen der Serie als auch im Umgang mit der Vorlage. Eine weniger konsequente Umsetzung hätte das erneute Aufeinandertreffen mit Conquest wohl weiter hinausgezögert oder als Cliffhanger inszeniert. Genau das hätte jedoch die Wucht von Mark Graysons verzweifeltem Kampf spürbar abgeschwächt. Dass sich fast alle Figuren – mit Ausnahme des sadistischen Conquest – sichtbar weiterentwickeln, verleiht der Episode einen starken kathartischen Moment und bereitet zugleich den Boden für die kommenden Sci-Fi-Schlachten im All.
Wer die Episode noch nicht gesehen hat, sollte ihre schockierendsten Momente unbedingt selbst erleben. Sie vorab zu verraten, würde ihr viel von ihrer Wirkung nehmen – selbst für Leser, die sich vor dem Anschauen gern erst Reviews durchlesen. Wer sie bereits gesehen hat, bekommt hier hingegen eine der bisher am besten wiederanschaubaren Folgen der Serie. Gerade die dramatische Ironie verstärkt viele der ruhigen, warmen und beinahe ungewohnt herzlichen Momente zusätzlich. Selbst aus der Perspektive von Zuschauern, die den weiteren Verlauf der Geschichte kennen, lässt sich kaum ein anderer Punkt ausmachen, an dem Invincible in so vielen Bereichen gleichzeitig so stark trifft.
Es wird noch bessere Kämpfe geben. Es wird noch stärkere Charaktermomente, ausgefeiltere Wendungen und größere Eskalationen geben. Die besondere Stärke dieser Invincible-Episode liegt jedoch nicht allein darin, dass sie die menschliche und die übermenschliche Seite der Serie auf einem gemeinsamen Höhepunkt zusammenführt. Entscheidend ist vielmehr, dass sie in beiden Bereichen kompromisslos aufs Ganze geht und zugleich deutlich macht, dass all das nur ein weiterer Schritt auf dem Weg ist. Gerade diese beinahe unmögliche Balance aus Figurenzeichnung und Action macht die Folge so besonders. Der Rest der Serie wird dieses Niveau womöglich nie ganz erreichen, dürfte aber wie ihr titelgebender Held immer wieder versuchen, es zu übertreffen. Solange keine gravierenden Produktionsprobleme dazwischenfunken, dürfte Invincible für Fans bis zum Schluss eine außergewöhnliche Reise bleiben.
Warum Tech Jacket in der Serie nun weiblich ist, hat einen recht pragmatischen Grund: Die Showrunner hielten das ursprüngliche Design der Figur für zu ähnlich zu Mark Grayson. Ohne den Kontext der eigenständigen Tech Jacket-Reihe von Image Comics, die sogar älter ist als Invincible, hätte Zack Thompsons Tech Jacket schnell wie ein weiterer Superheld mit auffallend vertrautem Look gewirkt. Robert Kirkman, der Schöpfer der Invincible- und Tech Jacket-Comics, begründet die Änderung damit, dass die Figur durch Zoey Deutch deutlich lebendiger und energiegeladener wirke. Außerdem mache es schlicht großen Spaß, mit dieser Version des Charakters zu arbeiten.
Bislang haben der Serie viele Änderungen gegenüber der Comicvorlage spürbar gutgetan, besonders bei Figuren wie Debbie oder Amber. Selbst die vermeintliche „Filler“-Episode der vergangenen Woche erwies sich aus dieser Perspektive als ausgesprochen gelungen. Kirkman scheint die Invincible-Serie gezielt dafür zu nutzen, seine ursprüngliche Vorlage zu straffen und gewissermaßen eine endgültige Fassung seines Werks zu schaffen – ähnlich wie bei Bleach: Thousand-Year Blood War, wo Tite Kubo die Anime-Umsetzung nutzte, um den finalen Arc des Mangas weiter auszubauen. Unterm Strich bedeutet das nicht, dass der Rest der Serie nun weniger sehenswert wäre. Vielmehr wirkt diese Episode wie eine jener Folgen, zu denen Fans noch über Jahre hinweg zurückkehren werden – und die bei manchen womöglich erst den entscheidenden Funken auslöst.












