Hintergrund | Berlin: Neue digitale Fahrpläne brauchen teils Glaskugeln und Taschenrechner

Wenn es um die Digitalisierung von Fahrplänen geht, dann sollte diese eigentlich nur Vorteile haben. An Berlins digitalen Haltestellen mit dem Namen Diggi können die nämlich einfach aktuell gehalten werden. Muss ein neuer Fahrplan "aufgehängt" werden, muss kein Personal mehr ausrücken, um die Fahrpläne zu verteilen. Das geht jetzt übers Netzwerk. Und sollte es mal spontane Änderungen geben, dann können die einfach in Sekundenschnelle ausgerollt werden.
Soweit die Theorie, denn die BVG nutzt die Digitalisierung auf eine sehr unterschiedliche Art und Weise. Statt genauer Fahrplanaushänge, gibt es jetzt für viele Bus-Linien nur noch Schätzwerte. Einen besonders krassen Fall haben wir am Nollendorfplatz entdeckt. Der Fahrplan der Bus-Linie 106 besteht nur noch aus wenigen Zeilen. Am Sonntag fährt der 106er beispielsweise zwischen 0 und 23 Uhr alle 19 bis 21 Minuten. Auf welcher Basis er fährt? Das erfährt der Fahrgast gar nicht erst.
Manche angezeigten Fahrten gibt es gar nicht
Selbst wenn man annimmt, dass der erste Bus exakt um 0:00 Uhr losfährt: Um 1 Uhr beträgt die Unschärfe für die Folgefahrten schlimmstenfalls bereits 6 Minuten, da der Abstand mal 19, mal 20 und mal 21 Minuten sein kann. Für den Fahrgast ist also schon bei der zweiten Fahrt nicht klar, wann der Bus eigentlich fährt. An der entsprechenden Haltestelle gibt es also eigentlich nur eine Echtzeitanzeige und keinen Fahrplanaushang.b
Pikant: Am Sonntag fährt der 106er gar nicht durch die ganze Nacht. Es ist kein Nachtbus und nach Mitternacht fahren nur noch zwei Busse. Danach ist für mehrere Stunden Betriebsschluss. Hier erfindet die BVG also im angezeigten Fahrplan Bus-Fahrten.
Für die anderen Tage sieht das auch nicht besser aus, wie dem folgenden Bild zu entnehmen ist. Die BVG verspricht an vielen Tagen einen Verkehr des 106ers rund um die Uhr, der gar nicht stattfindet.
Diggi zeigte das Verhalten schon früh
Derartige Fahrpläne haben wir bei Diggi schon früh bemerkt. Anfangs gab es bereits so unscharfe Fahrpläne, aber nur bei selten fahrenden 300er-Linien. Die BVG nannte das damals Kinderkrankheiten. Seit dem letzten Fahrplanwechsel haben wir das verstärkt bei Metrobus-Linien festgestellt, die häufiger fahren. Auch hier kann man dann nur noch raten, wann der übernächste Bus fährt. Denn die Echtzeitanzeige zeigt nicht, ob ein Bus verspätet ist. Man kann also nicht "alle 9 bis 10 Minuten" auf die Fahrt aufrechnen, um den übernächsten Bus zu errechnen.
Selbst wenn es möglich wäre: Es kann von einem Fahrgast kaum erwartet werden, dass dieser Fahrpläne selbst berechnet. Das erfordert auch viel Hintergrundwissen. Denn solche Von-bis-Abstände kommen beispielsweise durch Beschleunigungen im Tagesverlauf. Gegen Abend, wenn die Busse weniger Fahrgäste haben, beschleunigen sie sich zunehmend und laufen so minimal aufeinander auf. Dieses Wissen haben aber eigentlich nur Fahrplan-Nerds oder eben Personal entsprechender Verkehrsbetriebe.
Ein fiktives Beispiel soll das verdeutlichen: Bei einer Angabe, dass zwischen 17 und 20 Uhr der Bus alle 8 bis 12 Minuten fährt, dürfte der Abstand gegen 17 Uhr bei 10 Minuten liegen und um 19 Uhr herum beschleunigen sich einige Busse, die dann typischerweise ein bis zwei Minuten zum vorherigen Bus planmäßig aufholen. Bei längeren Linien kann es sogar passieren, dass ein Bus-Umlauf gegen Abend eingespart werden kann. Dann gibt es zuweilen einmalig eine 12-Minuten-Taktlücke. Solche Fahrzeiten sind für Fahrgäste schwer zu merken, haben aber für Verkehrsunternehmen große finanzielle Vorteile.
Manchmal lassen sich Fahrpläne tatsächlich ausrechnen
Das folgende Beispiel des M46 ist auch interessant. Am Samstag fährt der Bus zur Stunde 21 und 22 zwei Mal alle 20 bis 21 Minuten. Aber mit unterschiedlichen Zielen, was der Fahrgast an dem Kreis über der Nummer erkennen kann. Hier lässt sich der Fahrplan tatsächlich ausrechnen, denn die entscheidenden Informationen finden sich zur Stunde 20: Der verkürzte Laufweg fährt um 20:44. Also fährt zur Stunde 21 zu den Zeiten 21:14 (ggf. +1), 21:34 (ggf. +2) und 21:54 (ggf. +3) der nächste Bus auf dem verkürzten Laufweg.
Die Busse dazwischen fahren dann den gesamten Weg. Die Unschärfe von einer Minute je Takt ist dabei halbwegs verkraftbar. Im Zweifel wartet man kurz vor 23 Uhr 6 Minuten länger. Der Fahrplan-Nerd weiß hier aber, dass dieser Takt vergleichsweise stabil und vorhersehbar ist. Fahrgäste, die keine Fahrplan-Nerds sind, kommen hier aber in Probleme.
Eine Straßenbahnlinie, die es nicht gibt und eine die nicht genug Platz hat
Das betrifft übrigens nicht jede Bus-Linie in den Diggi-Haltestellen. Viele Busse haben noch vollständige Aushänge. Doch bei einer Straßenbahnlinie zeigt sich dadurch auch eine Schwäche. Für komplexe Fahrpläne ist die Auflösung der Displays nicht ausreichend. Die Fahrpläne reichen dann innerhalb des Google-Chrome-Browsers weiter nach unten. Es bräuchte dann einen Touchscreen zum Scrollen. Doch der fehlt dem Diggi-System, auch wenn Chrome das ohne Probleme können sollte.
Der Fahrplan der M10 ist in jedem Falle sehr komplex. Offenbar zu komplex für das Diggi-Konzept, das für solche Linien nicht vorgesehen ist.
Spannend ist auch das folgende Beispiel: Fahrgäste werden mit internen Betriebsnummern konfrontiert. Die Straßenbahn 883 gibt es zwar eigentlich, es handelt sich dabei aber um spezielle Fahrten der Straßenbahnlinie M10. Die 883 ist eine interne Nummer für spezielle Fahrten, die nur das BVG-Personal kennen muss. Eigentlich sind 883-Fahrten imm Fahrplan M10-Fahrten, die keine eigene Linie bilden sollten. Der Fahrgast muss aufgrund des Fehlers dann zwei Fahrpläne im Kopf kombinieren, um ein Gesamtbild zu bekommen.
Eine gleichzeitige Anzeige der Linien 883 und M10 sieht Diggi nämlich nicht vor. Das Konzept der Kombination zweier Fahrpläne kennt man übrigens auch bei der Deutschen Bahn: Hier muss der Fahrgast zwischen Regelfahrplan und Baufahrplan hin und her laufen – sofern letzterer überhaupt ausgedruckt wurde und nicht durch einen QR-Code ersetzt wurde. Es gibt also Fahrgäste, die dieses Konzept schon gewohnt sind.
Dass die meisten Fahrplanaushänge vollständig sind, ist übrigens eine Annahme von uns. Die bisherigen Fehler sind teils so gravierend, dass wir nicht ausschließen wollen, dass die korrekt aussehenden Fahrpläne nicht eigentlich nur scheinbar korrekt aussehende Pläne sind.
"Bitte beachten sie den Fahrplanaushang"
Problematisch ist das Ganze, wenn die Echtzeitanzeigen ausfallen. Bei Störungen verweist die BVG dann in den Echtzeitanzeigen regelmäßig auf den Fahrplanaushang, den man dann studieren soll. Das geht freilich auf den zusammengestutzten Diggi-Fahrplänen nicht.
Wir haben diesbezüglich der BVG auch einen Fragenkatalog bereits im April geschickt. Doch die antwortete lapidar: "wir haben Ihnen in den letzten zwei Jahren bereits eine Menge Details zu dem rechercheintensiven Thema zugearbeitet. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir nicht noch umfangreicher in diese Angelegenheit einsteigen können."
Zwar verstehen wir, dass das Thema rechercheintensiv ist, so brauchten auch wir etliche Stunden, um uns ein Gesamtbild in Berlin zu verschaffen. Wann immer wir eine Diggi-Haltestelle gesehen haben, haben wir diese geprüft. Dadurch fiel uns auf, dass sich die Situation seit dem letzten Fahrplanwechsel verschlechterte. Doch eine "Menge Details" nannte die BVG nie. Selbst die Auflösung der Displays wollte uns die Anstalt des öffentlichen Rechts nicht nennen.
Zu der "Menge Details" gehört etwa die Aussage: "Unter drei: Das zum Einsatz kommende System stammt von beauftragten externen Dienstleistern. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir keine Angaben zu den Details der technischen Spezifikationen machen." sowie zwei weitere Absätze, die wir im August 2024 erhalten haben. So sagte man uns damals, dass Logik-Fehler bei den Fahrplanauskünften angegangen werden sollten, und gab unter anderem an, dass die Fahrpläne per Akku gepuffert sind. Als Publikation, die jeden Tag mit einer "Menge Details" arbeitet, würden wir die genannten Details nicht mal als ausreichend einstufen. Allerdings sind Verkehrsunternehmen technische Anfragen auch nicht gewöhnt und schicken selten Datenblätter heraus.
Wir hatten im August 2024 auch nochmal nach Details nachgefragt und auch nach der Ausschreibung für das Diggi-System gefragt. Damals gab es schon eine ablehnende Antwort, dass die BVG nicht "noch umfangreicher in diese Angelegenheit einsteigen" kann.
Für eine AöR ist dies eine ungewöhnliche Reaktion. Zumal die Fehler nun im ganzen Stadtgebiet verteilt sind und sich verstärken. Ein Smartphone ist in vielen Situationen zur Pflicht geworden..
Diggi soll modernen ÖPNV darstellen
Versprochen wurde übrigens anderes, und das sogar von Berlins Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey. So hieß es in der Pressemitteilung zum Start von Giffey am 10. April 2024: "„So geht moderner ÖPNV! Mit den neuen digitalen Informationssäulen nimmt die BVG den nächsten Schritt in der Digitalisierung und bietet den Berlinerinnen und Berlinern ein tolles Angebot“, sagte Senatorin Giffey. „Die vielen Millionen BVG-Fahrgäste profitieren ganz unmittelbar von der Technik und kommen mit Bus oder Straßenbahn noch besser ans Ziel. Gerade auch für Menschen, die kein Smartphone oder die BVG-App nutzen, ist das ein wichtiger Service an zunächst 80 Haltestellen in diesem Jahr und bald auch in der ganzen Stadt.“"
Hierbei ist zu bedenken: Als wichtiges Mitglied des Aufsichtsrats der BVG ist sie dem Unternehmen verbunden, muss es kontrollieren, aber auch beraten. Andererseits ist sie Teil des Berliner Senats und ist eigentlich der Bevölkerung verpflichtet (siehe Vereidigung im Jahr 2023 mit der ganzen Kraft zum Wohle des Volkes). Wir wollten diesbezüglich wissen, ob es hier nicht Interessenskonflikte gibt und wie es zu den damaligen Aussagen überhaupt kam, denn das System hatte von Anfang an sehr viele leicht erkennbare Fehler (siehe unser Diggi-Test).
Auf diese Konflikte Anfang April angesprochen, gab es allerdings eine ungewöhnliche Reaktion. So sah der Autor dieser Zeilen, dass sein Linkedin-Profil von einem Mitarbeiter der Senatsverwaltung von Giffey kurz nach der Anfrage ausgekundschaftet wurde. Allerdings konnten wir nicht sehen, wer dies war. Aber wir wussten: Die Presseanfrage kam an. Auf eine nochmalige Erinnerung Ende April gab es ebenfalls keine Reaktion, sodass wir davon ausgingen, dass die Senatorin sich zu der Situation nicht äußern will.
Immerhin hat sich aber die Senatsverwaltung für Verkehr auf unsere frühe Anfrage gemeldet. Die ist unserer Erfahrung nach auch bei unangenehmen Fragen kooperativ, so wie es eigentlich sein sollte. Sie sagte uns bereits kurz vor Weihnachten, dass das Verhalten der BVG nicht korrekt ist: "Die vertraglichen Vorgaben zur Veröffentlichung eines Minutenfahrplan sind klar definiert. Das in Ihrer Mail beschriebene Vorgehen entspräche daher nicht den vertraglichen Vorgaben, ist hier aber auch nicht bekannt." Man verwies im Dezember auf die "Vorgaben des BVG VV §12 Abs. 1 und 10" und wir nahmen uns vor mehr Daten an Haltestellen zu erfassen.
Zu dem Zeitpunkt der damaligen Anfrage waren uns nur wenige Fälle bekannt, da wir nicht systematisch im Stadtgebiet alle Diggi-Haltestellen abgelaufen sind. Erst im Laufe des Jahres 2026 entwickelte sich dann ein Gesamtbild bis zu dem eingangs erwähnten Beispiel des 106ers, das wir schließlich am 13. Juni 2026 entdeckten und mit erfundenen Abfahrten wohl den Worst Case darstellt.
Der Deutsche Bahnkundenverband gab uns zudem auf Mastodon noch den Tipp, ins in das PBefG §40 (4) hineinzuschauen. Dort heißt es: "Fahrpläne und Fahrplanänderungen sind vom Unternehmer ortsüblich bekanntzumachen. Ferner sind die gültigen Fahrpläne in den zum Aufenthalt der Fahrgäste bestimmten Räumen anzubringen. An den Haltestellen sind mindestens die Abfahrtszeiten anzuzeigen."
Abfahrtszeiten, die nicht existieren, wie beim 106er in der Nacht, dürften da wohl kaum drunter fallen. Selbiges sollte für die Fahrplanschätzungen gelten. Das Interessante daran: Die Papier-Haltestellen sind weiter korrekt. Die Daten sind also da, doch offenbar ging bei der Digitalisierung der Prozesse etwas gehörig schief.
Mit dem 13. Juni haben wir übrigens auch das erste bräunlich verfärbte Diggi-Display entdeckt. Wir haben früher schon vermutet, dass die Displays, zwar hell sind, aber für Digital Signage nicht geeignet sind.
Bräunlich verfärbte Displays sind bei der BVG auch nichts besonderes. Nach unseren Beobachtungen leidet eine enorm hohe Anzahl von Displays in den U-Bahn-Baureihen IK und JK unter solchen Verfärbungen. Darunter auch späte Auslieferungen der JK. Auf eine frühere Anfrage zu dieser Problematik hat die BVG gar nicht erst reagiert.
In der folgenden Bildergalerie haben wir noch einige Diggi-Fahrpläne gesammelt, die das Ausmaß der Situation verdeutlichen sollen. Hierbei ist anzumerken, dass meist die anderen Linien vernünftig lesbare Fahrpläne haben. Da es sich jeweils immer um nicht repräsentative Stichproben handelt, können wir keine statistisch Aussagen zu dem Umfang des Problems machen. Dafür müsste die BVG transparenter mit den Diggi-Informationen umgehen, die sie hat.
Quelle(n)
Eigene Recherchen und Hinweise von Lesern


















