Der Kamera-Markt hat sich in den letzten Jahren nicht nur weiterentwickelt, sondern grundlegend verändert. Gute Videos und Fotos entstehen längst nicht mehr nur mit teuren, sperrigen Systemkameras mit großen Bildsensoren und zahllosen Drehreglern, sondern zunehmend auch mit Gimbal-Kameras und Actioncams – Kategorien, bei denen man historisch gesehen eher mit mäßiger Bildqualität und deutlichen Kompromissen leben musste.
Diese kurze Artikelreihe soll die Kernfrage beantworten: Wie viel Kamera (und welche) braucht man wirklich, wenn man mehr als nur das Smartphone nutzen will? Wo liegen die feinen, kleinen Unterschiede insbesondere bei der Alltagsnutzung zwischen verschiedenen System? Dabei ist dieser Vergleich in vielerlei Hinsicht zwar ungleich, aber praxisrelevant – erst recht, wenn der Kauf einer Reise- und Familienkamera ansteht und nicht die professionelle Content-Produktion oder Auftragsfotografie im Vordergrund steht. Auch aus einem weiteren Grund ist diese Gegenüberstellung geboten: DJI und Insta360 positionieren ihre Produkte längst weit über die reine Nische der Gimbal- oder Actioncam hinaus. Sie bieten ganze Ökosysteme nebst Handgriffen, Zusatzlinsen, Mikrofonen und weiterem Zubehör, die maximale Flexibilität versprechen.
Angesichts der teils extrem guten Bildqualität moderner Smartphone-Kameras stellt sich natürlich die Grundsatzfrage, ob eine zusätzliche Kamera überhaupt noch nötig ist. Dafür gibt es jedoch handfeste Argumente: Sei es der Wunsch, das Smartphone im Urlaub bewusst wegzupacken, den Handy-Akku zu schonen, oder schlicht die Tatsache, dass man das teure Telefon samt aller privaten Daten ungern Fremden am Aussichtspunkt oder den eigenen Kindern am Strand in die Hand drücken möchte – und trotzdem schöne Fotos von sich selbst statt reiner Selfies erwartet.
In diesem ersten Teil geht es zunächst um die reine Aufnahmequalität und die generellen fotografischen Möglichkeiten. Der zweite Teil widmet sich dann dem Workflow, den Ökosystemen, Zubehör-Erweiterungen und dem abschließenden Fazit. Wichtig dabei: Auch wenn wir uns im Test auf drei konkrete Modelle konzentrieren, stehen diese stellvertretend für ihre jeweiligen Produktkategorien. Ausführungen zu Bedienung, Optik und Einschränkungen lassen sich daher im Allgemeinen auch auf verwandte Modelle wie eine Insta360 Luna Ultra, oder eine DJI Osmo Action 6 übertragen.
Ein ungleicher Vergleich
Als Repräsentantin der klassischen, modernen Systemkameras tritt die Panasonic Lumix S5-II mit dem Lumix S 20–60 mm F3.5–5.6 und damit dem Standard-Kit-Objektiv an, welche im Kit aktuell rund 1.600 Euro kosten. Die Kamera bietet einen Vollformatsensor, wiegt zusammen mit dem Objektiv knapp 1.050 Gramm und ist im Vergleich zu den beiden anderen Testkandidaten schlicht ein Klopper. Als Gimbal-Kamera kommt die DJI Osmo Pocket 4P (ab rund 560 Euro erhältlich) zum Einsatz die mit rund 230 Gramm im Vergleich zur Lumix S5-II sehr leicht ausfällt und auf deren ausführliches Einzel-Review ich an dieser Stelle verweisen will. Die Insta360 Ace Pro 2 bringt als Actioncam ohne zusätzliche Zubehörteile sogar nur 182 Gramm auf die Waage und ist mit rund 360 Euro die günstigste der drei Kameras.
Bei der Panasonic Lumix S5-II stehen – je nach genauer Definition – fünf Drehregler, zahlreiche, teils frei belegbare Tasten, ein Steuerkreuz sowie ein Touchscreen zur Verfügung. Für die reine Menübedienung nutze ich den dreh- und schwenkbaren Touchscreen faktisch nie (wohl aber als Live-View), da sich der Fokuspunkt über den klickbaren Joystick blitzschnell verschieben lässt. Der große Vorteil dieser vielen physischen Bedienelemente: Parameter wie Blende und Verschlusszeit lassen sich gleichzeitig und blind justieren. Noch relevanter im Alltag: Alle wichtigen Einstellungen greift man direkt ab, ohne vorher umständlich ein Untermenü aufrufen zu müssen.
Bei der DJI Osmo Pocket 4P ist die Steuerung hingegen stark auf den zentralen Touchscreen konzentriert. Wird dieser ins Querformat geklappt, erkennen sich DJI-Fans an Sehenswürdigkeiten nicht nur akustisch am charakteristischen Klickgeräusch – die Kamera wird dadurch auch direkt eingeschaltet. Unter dem Bildschirm und neben dem Zoom-Button gibt es einen benutzerdefinierten Knopf, der sich für einfachen, doppelten, dreifachen sowie langen Klick unterschiedlich belegen lässt. Dazu kommt eine Taste für den Start und Stopp der Aufnahme und ein Joystick für die Steuerung des Gimbals oder des Zooms, welcher sich auch drücken lässt. Ein physisches Einstellrad für die Verschlusszeit fehlt jedoch komplett. Wer Verschlusszeit und ISO-Empfindlichkeit manuell festlegen möchte, muss per Wischgeste nach links in den manuellen Modus wechseln, welcher rein auf Touch-Eingaben reagiert. Störend dabei: Das Menü schließt sich nach jeder Fotoaufnahme automatisch. Gerade wenn man die Belichtung schnell nachjustieren will, ist das alles andere als optimal. Ebenfalls der Bauform geschuldet: Der Autofokus muss manuell über den kleinen Touchscreen angestoßen werden. Sehr praktisch wiederum: Als einzige Kamera im Test bietet die Osmo Pocket 4P einen integrierten Speicher von sehr praxistauglichen 107 Gigabyte.
Als Actioncam bringt die Insta360 Ace Pro 2 wenig überraschend nur Minimalausstattung an Knöpfen mit: Es gibt einen Aufnahmeknopf sowie den Einschalter, der auch zum schnellen Moduswechsel dient. Die Osmo Pocket 4P und die Ace Pro 2 folgen grundsätzlich derselben Bedienphilosophie – der Live-View bildet das Hauptmenü, und Wischgesten in alle vier Richtungen öffnen Einstellungen oder die Galerie. Mit dem optionalen Pro-Grip-Kit ändert sich das jedoch spürbar: Die Ace Pro 2 erhält dadurch ein Einstellrad, einen Schalter für den rein digitalen Zoom und einen echten Auslöser. Das verbessert die Ergonomie gewaltig, erweist sich in der Praxis aber auch als ein Stück weit „mehr Schein als Sein“. Über das Rad lassen sich zwar Verschlusszeit, Aufnahmemodi, ISO, Belichtungskorrektur oder Filtereffekte ansteuern – ein manueller Fokus fehlt jedoch völlig, doch dazu später mehr. Zudem muss der zu ändernde Parameter im Menü festgelegt werden. Touchscreen und Rad lassen sich nicht zusammen nutzen.
Die Ace Pro 2 besitzt ein Klappdisplay, das jedoch eine ambivalente Designentscheidung offenbart: Es lässt sich zwar nach oben klappen, aber nicht seitlich ausklappen oder drehen. Überkopf-Aufnahmen gestalten sich dadurch schwierig. Zudem lässt sich der Bildschirm im verpackten Zustand nicht zum Schutz mit der Glasseite nach innen einklappen wie bei der Lumix S5-II – was dank des zusätzlichen Frontdisplays auf der Vorderseite eigentlich sehr sinnvoll gewesen wäre. Allerdings wäre eine solche Dreh- und Klappmechanik mechanisch auch anfälliger. Was der Ace Pro 2 spürbar zugutekommt: Ihr Hauptdisplay ist deutlich größer als das der Osmo Pocket 4P, was Ablesbarkeit und Touch-Bedienung spürbar erleichtert. Im Gegensatz zur Osmo Pocket 4P setzt die Ace Pro 2 auf einen wechselbaren Akku.
Hosentasche oder Rucksack?
Im Alltag und auf Reisen zeigt sich sofort eine harte Abbruchkante: Die DJI Osmo Pocket 4P und die Ace Pro 2 nimmt man einfach so mit – zur Mitnahme einer großen Vollformat-DSLM muss man sich hingegen aktiv entscheiden. Ohne Frage bietet die Lumix S5-II im direkten Vergleich die größten kreativen Freiheiten und ist in der Bildgestaltung extrem flexibel, allerdings ist sie eher umständlich bei der Mitnahme. Das hat sich bei mir insbesondere bei langen Wanderungen oder ausgedehnten Stadttouren bemerkbar gemacht, bei denen man zwischendurch einfach spontan ein schönes Foto oder ein kurzes Video machen möchte. Natürlich kann man sich eine große DSLM um den Hals hängen oder an den Rucksack-Gurt klemmen, aber das bleibt immer sperrig. Die Osmo Pocket 4P passt hingegen locker in die Hosentasche einer Wanderhose und ist damit mit nur einem Griff einsatzbereit.
Die Pocket 4P hat auf der anderen Seite aber zwei Eigenheiten, die im Test zwar nicht zu Beschädigungen führten, aber stets ein leicht ungutes Gefühl hinterließen: Eine feste Plastik-Schutzhülle zählt nicht zum Standard-Lieferumfang, weshalb das Modell in der Hosentasche beim Gehen mechanisch belastet wird. Zudem fährt das Gimbal beim Ausschalten nicht automatisch in eine geschützte Linsen-Position, und die Linse selbst lässt sich bei Beschädigungen nicht einfach tauschen. Bei der Ace Pro 2 ergeben sich diese Sorgen nicht: Es gibt ein robustes Schutzglas, keine empfindliche Gimbal-Mechanik und die Kamera ist von Haus aus wasserdicht, womit auch starker Regen kein Problem darstellt.
Dass die Osmo Pocket 4P über einen mechanischen Gimbal und ein echtes optisches Teleobjektiv verfügt, erweitert die kreativen Möglichkeiten in der Praxis jedoch massiv – deutlich mehr, als ich erwartet hätte. Aufnahmen aus ungewöhnlichen Winkeln gelingen damit kinderleicht. Mit dem Gimbal lassen sich nicht nur bewegte Motive verfolgen; man kann auch ein festes Objekt framen, das selbst bei eigener Ortsveränderung perfekt im Bildmittelpunkt bleibt. Das klingt abstrakt, ist aber eine geniale Funktion, wenn man mit der Perspektive spielen oder störende Personen an einer Sehenswürdigkeit geschickt aus dem Bild halten möchte. Gimbals gibt es natürlich auch für Smartphones und Systemkameras – bei Letzteren handelt es sich jedoch um schwere Rigs, die man kaum „einfach so“ mitnimmt und die bei (insbesondere extern fokussierenden, sich in der Länge ändernden) Zoom-Objektiven nach jeder Brennweitenänderung oft neu ausbalanciert werden müssen. Nicht unterschätzen sollte man auch den Unscheinbarkeits-Faktor: Kleinere Kameras wirken im öffentlichen Raum schlicht dezenter. Auch wenn sich heimliche Aufnahmen im öffentlichen Raum von selbst verbieten, wirkt es oft etwas invasiv, ständig mit einer großen DSLM samt Objektiv vor Marktständen oder in Stadtszenen zu hantieren. Mit einer Osmo Pocket 4P oder Ace Pro 2 geht man schlicht als unauffälliger Tourist durch.



Fokus und Serienbilder bleiben ein Thema
An einer konkreten Praxissituation lässt sich exemplarisch aufzeigen, dass die beiden Kompakten im Bereich der Fotografie keinen vollständigen Ersatz für eine Systemkamera darstellen. So bietet die Osmo Pocket 4P gar keine und die Ace Pro 2 nur eine sehr eingeschränkte Serienbildfunktion. Schnell bewegliche Motive oder Tiere, die plötzlich im Bild auftauchen, lassen sich fotografisch faktisch nur mit der Lumix S5-II zuverlässig festhalten: Sie bietet rasante Serienbilder mit treffsicherer Fokusnachführung inklusive automatischer Erkennung von Personen, Tieren und Fahrzeugen. Zudem liefert der große Vollformatsensor ausreichend ISO-Reserven, um kurze Verschlusszeiten zum Einfrieren schneller Bewegungen ohne extremes Bildrauschen zu ermöglichen.
Auch manuelles Bracketing – also die gezielte Aufnahme einer Belichtungsreihe für manuelles HDR-Merging oder Fokus-Stacking – fehlt bei den beiden Kleinen. Hier setzen sie primär auf vollautomatische Software-HDR-Verarbeitung, erlauben immerhin aber die Speicherung im RAW-Format.
Das Objektiv der Ace Pro 2 arbeitet konstruktionsbedingt mit einem Fixfokus und bildet alles ab etwa 40 Zentimetern scharf ab. Das erleichtert das Fotografieren in hektischen Momenten, vereinfacht die Bedienung beispielsweise durch Kinder oder unter Wasser und verhindert Fehlfokus, schränkt die kreative Bildgestaltung aber spürbar ein. Fotos wirken dadurch tendenziell flach sowie dokumentarisch, und eine echte optische Freistellung des Motivs ist so kaum möglich. Gute Fotos lassen sich mit der Ace Pro 2 trotzdem sehr oft machen, die Software kann die Actioncam-typischen, leichten Verzerrungen gut kompensieren.
Nicht unterschätzen darf man auch die Unterschiede bei den Brennweiten: Die Lumix S5-II deckt mit dem Kit-Objektiv 20 bis 60 mm ab (und ist durch Objektivwechsel erweiterbar). Die Ace Pro 2 ist mit 13 mm (jeweils KB-Äquivalent) extrem weitwinklig aufgestellt. Die DJI Osmo Pocket 4P bietet hingegen ein Weitwinkel mit 20 mm sowie ein echtes Tele mit 60 mm. Gerade das Vorhandensein des optischen Teleobjektivs ist auf Reisen und beim Freistellen von Motiven ein riesiger Vorteil der Pocket 4P. Zudem bietet DJI magnetische Zusatzlinsen an – während die Ace Pro 2 auf Linsenvorsätze setzt, doch dazu im nächsten Teil mehr.
Transparenz
Die Auswahl der zu testenden Geräte erfolgt innerhalb der Redaktion. Das vorliegende Testmuster wurde dem Autor vom Hersteller oder einem Shop zu Testzwecken leihweise zur Verfügung gestellt. Eine Einflussnahme des Leihstellers auf den Testbericht gab es nicht, der Hersteller erhielt keine Version des Reviews vor der Veröffentlichung. Es bestand keine Verpflichtung zur Publikation. Als eigenständiges, unabhängiges Unternehmen unterliegt Notebookcheck keiner Diktion von Herstellern, Shops und Verlagen.
























