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2018er Smartphones mit Nougat sind der Inbegriff dessen, was in der Android-Welt schief läuft

Never settle (Quelle: XDA-Developers)
Never settle (Quelle: XDA-Developers)
In den vergangenen Wochen sind Geräte wie das Nokia 6 (2018) und das Redmi Note 5 auf den Markt gekommen. Doch so gut die Geräte auf dem Papier sein mögen, es hilft nicht darüber hinwegzutäuschen, dass sie selbst sechs Monate nach der Veröffentlichung von Android Oreo noch immer mit Android Nougat ausgestattet sind. Was bleibt, ist ein übler Nachgeschmack.

Android, mit all seinen Vorzügen, hat auch einen gewaltigen und nicht zu vernachlässigenden Nachteil. Denn anders als Apples iOS-Ökosystem, das von der Firma in Cupertino komplett kontrolliert wird, ist das Android-Ökosystem von Natur aus stark fragmentiert und abhängig von den Launen und Gebaren einzelner OEMs. Einerseits resultiert daraus mit der Schnelllebigkeit und dem enormen Entwicklungstempo der Szene einer der entscheidenden Vorteile von Android, andererseits resultieren aus dieser starken Fragmentierung, der Abhängigkeit und dem Mangel an Uniformität eine Vielzahl an Problemen.

Ganz vorne steht dabei das leidige Thema der Software-Updates. Denn während iOS-Geräte bis zu fünf Jahre lang mit Updates versorgt werden, liegt diese Zeitspanne bei Android-Smartphones im Mittel bei gerade mal einem Jahr. Manche Flaggschiffe kommen zwar in den Genuss von bis zu zwei Jahren Software-Updates, aber selbst das ist noch nicht mal mehr gesetzt, da so mancher OEM wenn es um Updates geht eine eher genervte und lethargische Herangehensweise an den Tag legt. So kam zum Beispiel das LG V20 Ende 2016 mit Android 7.0 Nougat auf den Markt und hat bis zum heutigen Tag noch kein einziges Major-Update erhalten - noch nicht mal das auf 7.1 Nougat.

Bereits im August vergangenen Jahres kam Android Oreo auf den Markt. Man könnte also erwarten, dass die meisten Smartphones mittlerweile damit ausgestattet sein sollten, doch weit gefehlt: Aktuelle Zahlen zeigen einen Marktanteil von gerade mal etwa 1 %, was ehrlich gesagt ziemlich verstörend ist. Und es kommt noch schlimmer: Sechs Monate nach der Veröffentlichung von Android Oreo kommen noch immer Neugeräte mit Android Nougat auf den Markt.

Ende Januar ist das unter Nougat laufende Nokia 6 (2018) erschienen, das Update auf Oreo wurde allerdings wenige Tage später nachgereicht. Bei so manchem Anwender stand es somit schon beim ersten Start OTA zur Verfügung. Letzte Woche folgte das Redmi Note 5, ebenfalls ausgestattet mit Nougat. Erwartungsgemäß ist bei Xiaomi-Geräten eher nicht mit einem Oreo-Update zu rechnen - der Hersteller hat sich in der Vergangenheit nicht gerade mit Ruhm bekleckert was Major-Updates angeht.

Doch natürlich gibt es gute Gründe für derartigen Klamauk.

Viele OEMs versprechen für ihre Geräte zwei Major-Updates. Um dieses Versprechen einzulösen, nutzen sie jedoch sehr geschickt ein Hintertürchen. Schauen wir uns das am Beispiel des OnePlus an. Letztes Jahr im November brachte die Firma das unter Nougat laufende OnePlus 5T auf den Markt. Zu diesem Zeitpunkt war Oreo bereits einige Monate alt, sämtliche Begründungen und Ausreden für diese Entscheidung hatten also einen äußerst fadenscheinigen und negativen Beigeschmack. Viel wahrscheinlicher ist folgendes Szenario: Das Smartphone wurde mit voller Absicht mit Nougat veröffentlicht, damit das Update auf Oreo bereits als erstes von zwei versprochenen Major-Updates zählt. Damit wäre faktisch festgelegt, dass mit dem Erscheinen von Android P im August 2018 die aktive Unterstützung für das Smartphone seitens des Herstellers ausläuft. Mit anderen Worten: zwei Major-Updates, aber innerhalb von nur einem Jahr. Ziel erreicht.

Und das sind alles andere als krude Verschwörungstheorien, denn aus Sicht der Firma steckt hinter derartigem Verhalten durchaus ein veritables Geschäftsmodell. Wenn Smartphones nur ein Jahr lang unterstützt werden müssen, hat dies Auswirkungen auf die Verkaufszahlen der Nachfolgemodelle. Bestandskunden werden geradezu genötigt neue Hardware zu erwerben, wenn sie Android Q haben wollen.

Ein weiteres Problem ist Project Treble, das für Geräte, die bereits mit Android Oreo veröffentlicht werden, Pflicht ist. Wird ein Smartphone hingegen von Nougat auf Oreo aktualisiert, ist Project Treble vollständig optional - die Implementierung hängt zu 100 % vom guten Willen des Herstellers ab. Einige Hersteller, wie zum Beispiel Huawei und Essential, haben das Feature in ihre Updates eingebaut, stehen damit allerdings recht einsam und allein einer Horde aus Verweigerern gegenüber. Wird ein Smartphone mit Nougat veröffentlicht, kann der OEM den Zwang, Project Treble zu implementieren, geschickt umgehen. Wir sind der festen Überzeugung, dass diese Tatsache beim Nokia 6 (2018) eine entscheidende Rolle gespielt hat.

Dabei ist die tatsächliche Nützlichkeit von Project Treble derzeit noch eher umstritten. Entwickelt als Möglichkeit, Updates ganz ohne Einflussnahme von OEMs und Netzbetreibern einzuspielen und zu verteilen, gibt es mit dem Feature auch das eine oder andere Problem. Wir gehen nicht davon aus, dass sich dadurch die Update-Situation nennenswert verbessern wird - schließlich sitzt noch immer der OEM am Knopf und entscheidet. Was wir allerdings erwarten, ist eine Wiederbelebung und Erstarkung der Custom-ROM-Szene. Geräte mit Treble sind in der Lage generische ASOP-Images auszuführen - für die Community eine geradezu wegweisende Entwicklung.

Beides - Project Treble und die kurze Zeitspanne der Versorgung mit Updates - sind eindeutige Zeichen für die Gleichgültigkeit und Kaltschnäuzigkeit mit der die Hersteller Android-Anwender behandeln. Für Geräte, die ein bis zwei Monate nach der Veröffentlichung einer neuen Android-Version auf den Markt kommen, ist es ja noch durchaus verständlich, wenn diese mit der Vorgängerversion von Android veröffentlicht werden. Niemand kann erwarten, dass ein neues Betriebssystem so rasch nach Veröffentlichung bereits Einzug auf die ersten Geräte erhält (selbst unter der Prämisse, dass die großen OEMs bereits Monate vorher entsprechende Images des Betriebssystems erhalten). Aber fünf oder gar sechs Monate nach der Veröffentlichung gibt es absolut keine Entschuldigung mehr für derartig schäbiges und verachtendes Verhalten gegenüber seinen Kunden und Anwendern.

Wir können nur hoffen, dass dies mit den im Zuge der MWC vorgestellten Geräten besser wird, und erwarten durchaus, dass diese mit Android Oreo ausgestattet werden. Gleichzeitig würden wir allerdings keine Wetten darauf abschließen - so gibt es beispielsweise bereits Gerüchte, dass das heiß erwartete Mi Mix 3 mit Nougat ausgestattet sein wird.

Android bietet gegenüber iOS eine Vielzahl an Vorzügen. Wenn aber die Dauer der Versorgung mit Updates bei der Kaufentscheidung eine Rolle spielt, ist man als Anwender in Apples geregeltem und kontrolliertem Ökosystem deutlich besser aufgehoben.

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Autor: Ricci Rox, 26.02.2018 (Update: 27.02.2018)