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Autonomes Fahren: Waymo-Robotaxis in sechs Monaten in 45 Unfälle verwickelt – die Tücke liegt in der Statistik

Autonomes Fahren: Waymo-Robotaxis in sechs Monaten in 45 Unfälle verwickelt – die Tücke liegt in der Statistik (Bildquelle: Waymo)
Autonomes Fahren: Waymo-Robotaxis in sechs Monaten in 45 Unfälle verwickelt – die Tücke liegt in der Statistik (Bildquelle: Waymo)
Waymo, die Alphabet-Tochter, hat eine detaillierte Sicherheitsstatistik ihrer Robotaxi-Flotte für einen sechsmonatigen Zeitraum veröffentlicht, in dem 45 gemeldete Unfälle auftraten. Die Analyse soll belegen, dass die autonome Fahrtechnologie selbst kaum Verursacher ist. Technisch versierte Experten betonen jedoch, dass die positiven Metriken vor dem Hintergrund hochgradig kontrollierter Einsatzbedingungen kritisch zu bewerten sind.

Die Debatte um die Sicherheit von Level-4- und Level-5-Systemen im realen Straßenverkehr wird maßgeblich durch öffentlich zugängliche Daten geformt. Waymo, hervorgegangen aus dem Google Self-Driving Car Project, hat kürzlich eine umfangreiche Darstellung seiner Unfallstatistik offengelegt. Diese umfasst die Vorfälle der Flotte in den Vereinigten Staaten über einen Zeitraum von sechs Monaten (Mitte Februar bis Mitte August 2025), in dem 96 Millionen Meilen (etwa 154,5 Millionen Kilometer) im „Rider-Only“-Betrieb absolviert wurden – also ohne menschlichen Sicherheitsfahrer an Bord.

Die zentrale Kennzahl: 45 gemeldete Unfälle. Dieser Wert allein liefert zunächst keine aussagekräftige Metrik zur Sicherheitsleistung. Erst die differenzierte Aufschlüsselung, auf die sich Waymo laut eigenen Angaben beruft, soll die Robustheit des Systems Waymo Driver belegen.

Technische Präzision vs. statistische Limitationen

Waymos Strategie zur Schaffung von Transparenz beruht darauf, die Art der Unfälle präzise zu kategorisieren und die Haftungsfrage der autonomen Fahrtechnologie gegenüberzustellen. Der Bericht verzeichnet demnach, dass die überwiegende Mehrheit der 45 Vorfälle nicht direkt auf einen Algorithmusfehler zurückzuführen ist: In 24 Fällen war das Waymo-Fahrzeug stationär und wurde durch andere Verkehrsteilnehmer im Stillstand beschädigt. Weitere sieben Kollisionen resultierten aus einem Auffahrunfall, bei dem das Waymo-Fahrzeug von hinten getroffen wurde.

Waymo führt zudem drei Vorfälle an, bei denen Passagiere beim unachtsamen Öffnen der Türen Fahrrad- oder Rollerfahrer verletzten. Rechnerisch resultiert daraus, dass lediglich elf der 45 registrierten Unfälle einer tiefergehenden technischen Überprüfung bedürfen, um die Verursachung durch das autonome System auszuschließen. Damit verbliebe eine geringe Unfallrate, die das Narrativ der Überlegenheit autonomer Systeme stützen soll.

Sensorfusion: Waymos Erfolg und die Kritik an generativer KI

Der Erfolg der Waymo-Flotte, die aktuell rund 2.000 Fahrzeuge primär in urbanen Gebieten wie San Francisco und Los Angeles betreibt, wird technisch der umfassenden Sensorfusion zugeschrieben. Im Gegensatz zum rein kamerabasierten Ansatz des Konkurrenten Tesla, nutzt Waymo eine Kombination aus Lidar, Radar und Kameras, um eine robuste und redundante 360-Grad-Umwelterfassung zu gewährleisten. Dieses Systemdesign soll auch bei widrigen Witterungsbedingungen und komplexen Verkehrssituationen eine präzisere Entscheidungsfindung ermöglichen.

Lob für Waymos Sicherheitsstrategie

Die positiven Unfallstatistiken von Waymo sind für Experten ein direkter Beleg für die vorsichtige Strategie des Unternehmens. Bryant Walker Smith, ein anerkannter Fachmann für autonome Fahrzeuge, bestätigte Waymos seriöses Vorgehen gegenüber The Atlantic mit dem Fazit, dass Waymo im Vergleich zur Konkurrenz „the slowest and the most deliberately“ (am langsamsten und am überlegtesten) vorgegangen sei.

Kritik an generativer KI

Diese Bestätigung untermauerte Smith mit einer zynischen Kritik an der generellen Zuverlässigkeit von generativer KI in sicherheitskritischen Anwendungen. Er zog einen scharfen Vergleich zwischen dem hochsensiblen autonomen Fahren und fehleranfälligen Sprachmodellen (LLMs):

„I like to tell people that if Waymo worked as well as ChatGPT, they’d be dead.“ (Deutsch: Ich sage den Leuten gerne, dass sie tot wären, wenn Waymo so gut funktionieren würde wie ChatGPT.)

Dies verdeutlicht zugleich die immense Kluft hinsichtlich der Anforderungen insbesondere im Bereich der Sicherheit zwischen einem oft unvorhersehbaren Sprachmodell und den lebensentscheidenden Zuverlässigkeitsanforderungen eines autonomen Fahrersystems.

Kritische Einordnung: Testumgebung und Datensättigung

Trotz der beeindruckenden Zahlen ist eine kritische Betrachtung der Metriken unumgänglich, da sie stets im Kontext der Operational Design Domain (ODD) interpretiert werden müssen. Wie das Magazin The Atlantic berichtet, bestätigte Waymo-Sprecher Chris Bonelli, dass die Flotte hauptsächlich in streng kartografierten Stadtgebieten agiert. Die Unfallstatistik müsse zudem relativiert werden, da sie Waymos Flotte neuer, optimal gewarteter Fahrzeuge mit dem Durchschnitt der oft jahrzehntealten Fahrzeuge auf der Straße vergleiche. Das Magazin weist ferner darauf hin, dass Autobahnfahrten, wo höhere Geschwindigkeiten ein deutlich höheres Risiko bergen, nur Mitarbeitern und einer begrenzten Zahl von Gästen erlaubt sind.

Keine Verifikation der Systemperformance unter realen Verkehrsbedingungen

Der Waymo-Bericht stellt einen wichtigen Beitrag zur Information der Öffentlichkeit dar, kann aber angesichts der eingeschränkten operationalen Domäne (ODD) und der kontrollierten Flottenbedingungen keine endgültige Verifikation der Systemperformance unter realen Verkehrsbedingungen bieten. Die Skalierung auf 4.000 Fahrzeuge bis 2026, wie von Waymo geplant, wird zeigen, ob die niedrige Unfallquote auch mit steigender Komplexität und Dichte der Flotte aufrechterhalten werden kann.

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> Notebook Test, Laptop Test und News > News > Newsarchiv > News 2025-10 > Autonomes Fahren: Waymo-Robotaxis in sechs Monaten in 45 Unfälle verwickelt – die Tücke liegt in der Statistik
Autor: Ulrich Mathey, 13.10.2025 (Update: 13.10.2025)