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Lenovo ThinkPad 25 – Chance verpasst?

Ein heftiger Aufpreis für eine alte Tastatur. Das ThinkPad 25 sollte eigentlich ein Highlight für eingefleischte ThinkPad-Fans sein, doch im Endeffekt haben wir nur ein teures T470 mit einer Retro-Tastatur bekommen. Es handelt sich um einen guten Laptop, doch nach unserem Test waren wir alles andere als beeindruckt.

2017 feiern wir den 25. Geburtstag der legendären ThinkPad-Baureihe, doch Spekulationen zu einem "Retro-ThinkPad" gibt es spätestens seit dem Blog-Posting über eine "ThinkPad Time Machine" von David Hill (Chief Design Officer), das im Juni 2015 veröffentlicht wurde. Das Feedback war enorm, weshalb es nach und nach mehrere Umfragen gab, die verschiedene Themenbereiche wie beispielsweise die Eingabegeräte, die Komponenten oder das Design behandelten. Durchschnittlich haben rund 13.000 Nutzer an diesen Umfragen teilgenommen. Das Interesse war also da, und bei vielen Enthusiasten war die Vorfreude riesig. Das ist möglicherweise auch einer der Gründe, warum viele von dem Jubiläumsmodell ThinkPad 25 enttäuscht sind: Die Erwartungen waren sehr hoch – möglicherweise zu hoch. 

Unseren Test zum Lenovo Thinkpad 25 findet ihr hier.

Was ist das ThinkPad 25?

Lenovo hat das ThinkPad 25 am 5. Oktober offiziell vorgestellt und Lenovos Marketing-Abteilung bewirbt es mit den folgenden Sätzen:

Das ThinkPad 25 weist einige der grundlegenden ästhetischen Merkmale des Originalmodells auf – etwa die siebenzeilige Classic-Tastatur (jetzt mit Hintergrundbeleuchtung) sowie die blaue Enter-Taste und die blauen Akzente auf den Subtasten. Ein Special Edition ThinkPad 25-Logo ebenso wie die spezielle Verpackung runden den Retro-Look ab.

Hier wird nicht zu viel versprochen, denn das erste, was einem beim Betrachten der Produktbilder auffällt, sind die klassische Tastatur (kein Chiclet-Design) sowie das farbige ThinkPad-Logo auf dem Bildschirmdeckel. Das Gehäuse kennen wir allerdings schon von dem aktuellen ThinkPad T470. Das Gehäuse wurde für das T470 komplett überarbeitet und in unserem Test waren wir durchaus angetan: Die Lücke zum dünneren ThinkPad T470s wurde verkleinert, doch es ist weiterhin eine vergleichsweise günstige Option innerhalb der T-Baureihe. Das Jubiläumsmodell wurde zudem durch gummierte Oberflächen ein wenig aufgewertet. Das spürt man auch im Vergleich zum normalen T470, allerdings handelt es sich keinesfalls um das beste Gehäuse von Lenovo. Das aktuelle ThinkPad X1 Carbon 2017 ist hinsichtlich der Qualität und vor allem der Mobilität noch einmal auf einem anderen Level.

Das große Highlight ist natürlich die Tastatur. Lenovo hat hier prinzipiell die Eingabe des alten ThinkPad T420 in das Gehäuse des T470 verpflanzt und eine zusätzliche Hintergrundbeleuchtung hinzugefügt. Es ist eine tolle Tastatur, was wir auch in unserem Test feststellen konnten. Für viele Fans, denen das aktuelle Chiclet-Design ein Dorn im Auge ist, kommt diese klassische Tastatur sicherlich einer Offenbarung gleich. Aufgrund der gewachsenen Dimensionen musste allerdings auch das Touchpad verkleinert werden. Das ist dank dem TrackPoint kein großes Problem, doch die dedizierten TrackPoint-Tasten haben bei unserem Testgerät leider einen sehr schwammigen Eindruck hinterlassen.

Leistung

Die Wahl des Gehäuses ist also sicherlich nicht optimal, doch vom Kauf würde es uns nicht abhalten. Ein wenig problematischer wird es allerdings, wenn wir uns die Komponenten im Detail ansehen:

Diese Rückgriffe auf vergangene Zeiten werden von einigen der besten modernen Technologieentwicklungen, wie Intel® Core™ i7 Prozessor der 7. Generation, Windows 10 Pro und NVIDIA® GeForce® Grafikkarte, begleitet. Dolby® Audio™ Premium sorgt für ausgezeichnete Soundqualität und das 35,6-cm-Touchscreen-Display (14") unterstützt FHD. So werden all Ihre Aktivitäten zum Vergnügen, egal ob Arbeit oder Unterhaltung. Darüber hinaus kommen Sie bis zu 18 Stunden ohne Netzanschluss aus.

Das ist ein netter Marketing-Satz, mehr aber auch nicht. Einer der größten Knackpunkte hierbei ist sicherlich, dass es sich nur um eine leicht verbesserte Version des normalen T470 handelt. Alle Komponenten sind auch für das reguläre Modell verfügbar, die einzige Ausnahme ist die dedizierte Grafikkarte. Doch bei der GeForce 940MX handelt es sich um ein altes (und bereits ersetztes) Modell. Ob eine dedizierte Grafikkarte bei einem Business-Gerät in dieser Leistungsklasse überhaupt viel Sinn macht, ist ebenfalls fraglich. Leider wurden auch einige Einschränkungen des T470 übernommen, beispielsweise die begrenzte Bandbreite des Thunderbolt-3-Anschlusses sowie der PCIe-Anbindung (x2) der SSD. Warum wird eines der schnellsten Laufwerke von Samsung verbaut, wenn man die volle Leistung gar nicht ausnutzen kann?

Ein Dual-Core-Prozessor wie der Core i7-7500U ist sicherlich keine lahme Krücke und reicht für ein Business-Gerät vollkommen aus, doch das Timing ist einfach unglücklich. Intel hat gerade erst die brandneuen Kaby-Lake-Refresh-Chips mit Quad-Core-ULV-Modellen vorgestellt, die dank zwei zusätzlichen Kernen das erste Mal seit Jahren einen deutlichen Leistungszuwachs versprechen. Das gleiche gilt auch für die Grafikkarte, denn die GeForce 940MX wurde bereits durch die Pascal-basierte GeForce MX150 ersetzt.

Display

Das eingesetzte Display ist ganz klar eine weitere Enttäuschung, vor allem bei dem hohen Preis. Schlechte bzw. mittelmäßige Displays sind leider keine Seltenheit bei Laptops von Lenovo, und beim ThinkPad 25 ist das auch der Fall. Das Problem ist dabei sicherlich nicht die Full-HD-Auflösung, die sich für produktive Zwecke immer noch sehr gut eignet. Eine durchschnittliche Helligkeit von weniger als 230 cd/m² und eine magere Farbraumabdeckung sind bei diesem Preis jedoch nur schwer zu rechtfertigen, vor allem angesichts vieler günstiger Privatkunden-Modelle, die mit besseren Bildschirmen ausgerüstet sind. Die Integration eines Touchscreens für das ThinkPad 25 ist eine weitere eher fragliche Entscheidung.

Lenovo ThinkPad 25
1920x1080, ID: LEN40A9, Name: R140NWF5 R1
Lenovo ThinkPad T470-20HD002HGE
1920x1080, N140HCA-EAB
Lenovo ThinkPad X1 Carbon 2017-20HR006FGE
2560x1440, LEN40AA (LP140QH2-SPB1)
Response Times
Response Time Grey 50% / Grey 80% *
45.6 (18, 27.6)
41.6 (20.4, 21.2)
35.6 (18.4, 17.2)
Response Time Black / White *
37.6 (22, 15.6)
34 (9.6, 24.4)
22.4 (12.4, 12)
PWM Frequency
1000 (99)
Bildschirm
Helligkeit Bildmitte
240.1
306
342
Brightness
227
287
337
Brightness Distribution
84
88
87
Schwarzwert *
0.22
0.3
0.37
Kontrast
1091
1020
924
DeltaE Colorchecker *
6.3
6.2
3.6
Colorchecker DeltaE2000 max. *
28.9
13.6
7.7
DeltaE Graustufen *
3.3
5.8
5.8
Gamma
2.26 97%
2.04 108%
2.2 100%
CCT
6081 107%
6277 104%
6693 97%
Farbraum (Prozent von AdobeRGB 1998)
40.6
39.62
68.8
Color Space (Percent of sRGB)
63
61.44
98.5
Durchschnitt gesamt (Programm / Settings)

* ... kleinere Werte sind besser

Obwohl es viele eingefleischte ThinkPad-Fans vielleicht nicht gerne hören, können wir verstehen, warum Lenovo hier kein 16:10- oder gar 4:3-Display verbaut. Bei der geringen Anzahl an Geräten ist es vermutlich kaum möglich, gute 14-Zoll-Panels in diesen Formaten überhaupt zu bekommen. Was wir jedoch nicht verstehen, ist die Implementierung eines derart mittelprächtigen Bildschirms, obwohl es andere 14-Zoll-Modelle von Lenovo mit besseren Panels gibt. Das T470 (ohne Touchscreen) war zumindest deutlich heller, und der hochauflösende WQHD-Bildschirm des ThinkPad X1 Carbon 2017 ist in praktisch jeder Disziplin überlegen (~340 cd/m², matt, höhere Auflösung, vollständige sRGB-Abdeckung, kein PWM).

ThinkPad 25
ThinkPad 25
ThinkPad T470
ThinkPad T470
ThinkPad X1 Carbon 2017
ThinkPad X1 Carbon 2017

Was haben wir erwartet?

Wenn man es aus der Sicht von Lenovo betrachtet, macht das ThinkPad 25 in dieser Version sehr viel Sinn. Man nimmt ein bekanntes Gehäuse, fügt ein beliebtes Ausstattungsmerkmal der Vergangenheit hinzu und verkauft es zu einem hohen Preis. Es handelt sich zudem um eine limitierte Version, was Sammler anspricht, und wir sind sicher, dass es sich gut verkaufen wird.

Um ehrlich zu sein hat vermutlich niemand ernsthaft mit einer vollständigen Neuentwicklung gerechnet. Diese würde einfach zu teuer sein und zu viele Ressourcen in Anspruch nehmen. Ein bekanntes Gehäuse als Grundlage zu nehmen ist also eine gute Lösung, und das T470 ist sicherlich keine schlechte Grundlage. Doch warum musste man an den anderen Stellen so viele Kompromisse eingehen, und warum handelt es sich nicht um ein wirkliches High-End- bzw. Prestige-Produkt? Das ist auch unser großer Kritikpunkt, denn das normale T470 ist keinesfalls schlechter und gleichzeitig deutlich günstiger. Wir hätten uns ein echtes Flagship gewünscht und wir glauben kaum, dass der Preis bei einer derart limitierten Version, die man gerade hier in Europa sowieso kaum bekommen wird, ein Argument ist. Unserer Meinung nach hätte es zwei bessere Ansätze für ein Jubiläumsmodell geben können:

  1. Auf Basis des ThinkPad T470, aber mit besseren Komponenten:

    Das Gehäuse des T470 als Grundlage mit den gummierten Oberflächen und der klassischen Tastatur, aber besseren TrackPoint-Tasten. Zudem mit den aktuellen CPUs bzw. GPUs von Intel und Nvidia. Wir verstehen, dass das Timing hier unglücklich ist, doch hätte es wirklich jemanden gestört, wenn das ThinkPad 25 erst 4 Wochen später verfügbar wäre? Auch die Bandbreitenbeschränkung muss nicht sein. Abschließend natürlich die Verwendung eines besseren Displays, mindestens das WQHD-Panel aus dem X1 Carbon 2017.

  2. Auf Basis des ThinkPad X1 Carbon, mit Retro-Kur und besseren Komponenten:

    Das aktuelle ThinkPad X1 Carbon gehört bereits zu den besten 14-Zoll Ultrabooks auf dem Markt. Das Gehäuse ist extrem leicht, stabil und hochwertig. Es gibt bereits ein exzellentes WQHD-Panel, vielleicht hätte man für das Jubiläumsmodell schärfer selektieren können, um noch bessere Ergebnisse zu erhalten. Auch die neuen Quad-Core-ULVs (Kaby-Lake-Refresh) eignen sich wunderbar für das Gehäuse. Die Implementierung der klassischen Tastatur wäre sicherlich eine Herausforderung gewesen, aber keinesfalls unmöglich.

Das Jubiläumsmodell ThinkPad 25 ist definitiv kein schlechtes Gerät. Abgesehen von der Tastatur ist es aber auch nicht besser (teilweise schlechter) als das reguläre ThinkPad T470. Gerade in Anbetracht der Vorgeschichte mit den vielen Umfragen ist das ein enttäuschendes Ergebnis. Es gab sicherlich interessante Erkenntnisse von der Community, doch wir bezweifeln, dass diese hier eingeflossen sind. Damit ist das ThinkPad 25 ein tolles Produkt für Sammler, doch es hätte so viel mehr sein können.

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Autor: Andreas Osthoff, Douglas Black,  9.10.2017 (Update:  9.10.2017)
Andreas Osthoff
Andreas Osthoff - Senior Editor Business
Ich bin mit Computern und moderner Unterhaltungselektronik aufgewachsen. Seit meinem ersten Computer, einem Commodore C64, habe ich mich für die Technik interessiert und angefangen, meine eigenen Computer zu bauen. Bei Notebookcheck kümmere ich mich schwerpunktmäßig um die Business-Geräte sowie die mobilen Workstations, doch ich mache auch gerne Abstecher in den mobilen Bereich. Es ist immer wieder eine tolle Erfahrung, neueste Geräte zu testen und miteinander zu vergleichen. Den passenden Ausgleich schafft der Sport, im Sommer vor allem mit dem Rad.