Nicht nur in Deutschland wird für viel Geld neue Infrastruktur angeschafft, die dann teilweise durch Kürzungen unnütz rumliegen muss. Während aber die neuen Siemens-Mireo-Plus-H-Wasserstoffzüge der Heidekrautbahn bei Berlin nur in einem geringen Umfang bei der Laufleistung gekürzt werden, könnte es die nagelneuen elektrischen Caltrain-Züge von Stadler zwischen San Francisco und San José im Herzen des Silicon Valley deutlich schlimmer treffen.
Caltrain hat nun nämlich dargelegt, wie der Betrieb ab November 2026 aussehen könnte, wenn das erforderliche Geld nicht aufgetrieben werden kann. Das Beschriebene sieht nicht gut aus, denn Caltrain wird massiv an Attraktivität verlieren, um Geld zu sparen. Dabei zeigt die aufwendige Elektrifizierung – Caltrain ist seit April 2024 die erste "große" elektrische Eisenbahn der Region – bereits erste Effizienzgewinne. Die Züge fahren schneller, was Material einspart, und sind auch sonst gutmütiger. Statt lokbespannten Dieselzügen, die nur noch im südlichen Bereich unterwegs sind, fährt Caltrain nun mit Triebzügen (Electric Multiple Unit, EMU).
Am Wochenende fahren mehr als doppelt so viele mit dem Caltrain
Die Fahrgastzahlen konnten um 55 Prozent gesteigert werden, seit die Elektrifizierung im Betrieb ist. Am Wochenende sind die Fahrgastzahlen sogar mehr als verdoppelt worden, so Caltrain. Die Fahrgäste sind mit den neuen Triebzügen zudem sehr zufrieden. Caltrain gibt 91 (Februar) bis 93 Prozent (September) Zufriedenheit an. Seit Erhebungsbeginn vor 27 Jahren der höchste bisher gemessene Wert. Auch die Einnahmen sind gestiegen. Caltrain steht mehr Budget zur Verfügung, als initial geplant wurde.
Doch wenn jetzt das Geld nicht mehr für den ÖPNV zugeschossen wird, dann droht Caltrain zu einem System zu werden, das vor allem von jenen genutzt wird, die keine Wahl haben. Umsteiger vom Auto wird man hingegen wohl vergrätzen.
So soll der Betrieb der wichtigen Bahnlinie ab November 2026 schon um 21 Uhr eingestellt werden. Das ist schon für das Shoppen in San Francisco ein Problem, schließlich muss der letzte Zug erwischt werden. Der Besuch von Freundschaften und abendlichen Freizeitaktivitäten in Restaurants oder in Kulturangeboten dürfte sich mit der Bahn auch nicht mehr anbieten, denn der Rückweg mit dem Bus ist äußerst zeitaufwendig, wie der Autor dieser Zeilen aus eigener Erfahrung weiß. Bleibt noch die Kombination mit Fahrdiensten wie Uber, die aber sehr teuer sind. Wer ein Auto hat, dürfte für Abendaktivitäten den Caltrain eher vermeiden, wenn die Rückkehr nicht mehr garantiert ist.
Das gilt auch für das Wochenende. Caltrain soll dann sogar komplett eingestellt werden. Keine der mehr als zwei Dutzend Stationen soll mehr angefahren werden. Apropos Stationen: Der Plan sieht ohnehin vor, gut ein Drittel der vorhandenen und kürzlich modernisierten Stationen zu schließen.
Nicht zu vergessen ist, dass Caltrain auch ein wichtiger Zubringer für Sportveranstaltungen ist. Ob die Züge zu den Veranstaltungen im Paypal-Park dann trotzdem angeboten werden? Das Rollmaterial und die Trassen sind da, aber Fans, die von der Straße auf die Schiene geholt werden, um damit Staus rund um das Stadion zu vermeiden, kosten Geld. Zumal sich die Fans daran gewöhnt haben, dass sie vor einem Spiel binnen 90 Minuten vier bis fünf Züge zur Anreise je Richtung haben. Reduziert sich das auf bestenfalls zwei Züge je Richtung, dürfte das eher abschreckend wirken.
Denn der Plan sieht vor, maximal noch einen Zug pro Stunde und Richtung fahren zu lassen. Es ist dann wohl davon auszugehen, dass Caltrain die Expresszüge, früher bekannt als Baby Bullets, kaum noch anbieten wird. Stattdessen rechnen wir dann damit, dass es nur noch All-Stop-Services gibt – freilich ohne die dann eingestellten Stationen.
Caltrain Limited als neuer Local?
Der Caltrain Local würde dann schneller fahren. Viel einsparen kann man aber nicht. Nimmt man den heutigen Caltrain Limited Express als Basis, der sich den Stopp an sechs Stationen spart, dann ist der auf der Gesamtstrecke zwischen San José und San Francisco rund 1:10 Stunden unterwegs. Das ist eine Ersparnis von nicht einmal zehn Minuten. Der Caltrain Express (ehemals Baby Bullet) spart sich zehn Stationen und schafft die Strecke in rund einer Stunde. Die geringen Zeitersparnisse sind auch ein Resultat der Elektrifizierung. Die Kiss-Garnituren von Stadler beschleunigen deutlich stärker als die alten Zugzusammenstellungen.
Allerdings sind um die zehn Minuten eingesparte Zeit pro Fahrt genug, um über den ganzen Tag den ein oder anderen Umlauf komplett zu streichen. Natürlich geht zusätzlich viel Fahrgastpotenzial an den geschlossenen Zügen verloren, was die Fahrgastzahlen pro Zug zusätzlich reduzieren dürfte.
Caltrain betont aber, dass noch nichts entschieden wurde. Anfang 2026 muss das Budget aber stehen. Der Plan kann also durchaus als Drohgebärde aufgefasst werden, um bei Politik und Gesellschaft Druck aufzubauen, um ein Worst-Case-Szenario zu verhindern. Wie stark es in Richtung des schlimmsten anzunehmenden Zustands kommen wird, müssen die nächsten Monate zeigen. Vermutlich geht es nicht mehr darum, Kürzungen zu verhindern, sondern den Umfang der Kürzungen zumindest zu reduzieren.
An die langfristigen Kosten wurde nicht gedacht
In den USA ist es nicht ungewöhnlich, dass sehr viel Geld in neue Infrastruktur investiert wird. Die laufenden Kosten sind hingegen nicht Teil des jeweiligen Plans. Caltrain zeigt, dass so eine fehlende langfristige Planung potenziell in einem Desaster enden kann und natürlich eine enorme Verschwendung von Steuermitteln bedeuten kann. Auch deswegen hat es der ÖPNV in den USA oft schwer. Trotzdem sind in den USA in letzter Zeit einige interessante Projekte online gegangen. Erwähnenswert ist etwa der Bahn-Anschluss des Flughafens Honolulu in Hawai'i oder auch das neue Metro-Straßenbahnsystem zum Flughafen LAX in Los Angeles. In beiden Fällen hat es der SPNV geschafft, sich gegen die mächtige Taxi-Lobby zu stellen.
Derweil lässt sich noch nicht abschätzen, welche Auswirkungen der elektrische Caltrain auf die sogenannten Tech-Shuttles von Apple, Facebook, Google und Co. haben wird oder auch schon gehabt hat. Im Silicon Valley existiert ein nichtöffentlicher Personennahverkehr mit Bussen, der von den Tech-Firmen finanziert wird, um das Personal von und zur Arbeit zu bringen. Seit 2024 ist das System zwar stärker geregelt und der ÖPNV-Betreiber Muni hat mittlerweile etwas Kontrolle über die Haltestellen. Doch aktuelle Zahlen gibt es dazu nach unseren Recherchen nicht.
Zur Einordnung der Fähigkeiten des Caltrains im Silicon Valley empfehlen wir unseren ausführlichen Hintergrundartikel "Caltrain: Silicon Valley hat jetzt eine echte elektrische Eisenbahn" vom April 2024.
Quelle(n)
Caltrain / Eigene Recherchen














