Notebookcheck

Huawei Watch GT 2 im Test: Very smart, very buggy

Inge Schwabe, 👁 Daniel Schmidt, Andrea Grüblinger, 16.10.2019

Ausgebremst. Die Huawei Watch GT 2 nimmt unter den aktuellen smarten Uhren einen Platz in der Spitzenkategorie ein. Die hochwertig verarbeitete Smartwatch, die es in zwei Größen und mit unterschiedlichen austauschbaren Armbändern gibt, vereint Telefon- und intelligente Fitnessfunktionen in einem Gerät und beweist Durchhaltevermögen. Im Test zeigen sich aber auch Schwächen und ein faustdicker Bug.

Huawei Watch GT 2

Sieht man von dem Sondermodell aus der Kooperation mit Porsche ab, ist die Watch GT 2 die vierte Smartwatch der Chinesen in fünf Jahren. Im vergangenen Jahr kehrte Huawei mit der Watch GT dem Smartphone-Betriebssystem Wear OS von Google den Rücken und zog ein eigenes Betriebssystem auf seine Uhr. Anders als bei der unfreiwilligen Sonderstellung am Smartphone-Markt ist man im Bereich der Wearables in guter Gesellschaft: Nach einer Untersuchung der Marktanalysten Counterpoint rangiert auf den vorderen Plätzen kein einziges Unternehmen, das nicht auf eigene Software setzt.

An der Spitze steht die Apple-Watch, zu deren Vorzügen auch ein ständig wachsendes App-Angebot zählt. Die Lücke, die bei den nicht-google-kompatiblen Uhren der fehlende Play-Store hinterlässt, kompensieren Anbieter wie Samsung und Fitbit, wenn auch in geringerem Umfang, durch eigene App-Stores. Huawei ist da noch nicht allzu weit, dabei wäre dem Unternehmen wie kaum einem anderen zuzutrauen, über Nacht ein vergleichbares Angebot aus dem Boden zu stampfen. Vielleicht ist man aber noch zu sehr damit beschäftigt, die eigene Software intelligenter zu machen, eine ausgewiesene Stärke von Huawei, oder feilt noch an dem einen oder anderen Fehler herum. Denn da offenbarte sich im Test einiges, was die Freude an der edlen Uhr trüben kann. 

Spezifikationen Huawei Watch GT 2, 46 mm

  • Display: AMOLED, 35.306 mm Durchmesser, 1.39 Zoll, 454 x 454 px, 326 ppi (42 mm: 30.48 mm, 1.2 Zoll, 390 x 390 px, 326 ppi) 
  • Betriebssystem: RTOS
  • CPU: Kirin A1 (Hi1132)
  • Konnektivität: ab Android 4.4, ab iOS 9.0
  • Speicher: 4 GB ROM, 32 MB RAM (42 mm: 16 MB)
  • Sensoren: Beschleunigung, Gyroskop, Magnetometer, optische Herzfrequenz, Umgebungslicht, Barometer
  • GNSS: GPS, GLONASS
  • Akku: 455 mAh (42 mm: 215 mAh)
  • Gewicht: 41 g ohne Armband (42 mm: 29 g)
  • Telefonie: über Smartphone
  • Sonstiges: wasserdicht bis 5 ATM
  • Lieferumfang: Huawei Watch GT 2, Ladeadapter (USB-C), Ladekabel (USB-A zu USB-C), Schnellstartanleitung, Sicherheitsinformationen, Garantiekarte
  • UVP: 229 bis 279 Euro (42 mm: 199 bis 249 Euro)

Inbetriebnahme

Der erste Blick in die Schachtel erfüllt die Hoffnung auf ein kleines, absolut reisetaugliches Ladeequipment. Das Kabel ist nicht starr an dem magnetischen Adapter befestigt und ist zudem ein USB-C-Kabel, was die Handhabung zu Hause und unterwegs vereinfacht.

Die Watch GT 2 ist zu Android ab Version 4.4 und zu iOS ab iOS 9 kompatibel. Benötigt wird in beiden Fällen die App Huawei Health, sowie für Android zusätzlich die App Huawei mobile Devices, sofern sich diese nicht bereits auf dem Smartphone befindet. In unserem Test nahm das verwendete Pixel 3 die Existenz der zweiten App erst nach einem Neustart wahr.

Die nächsten Schritte sind bei allen Trackern und Smartwatches mit Fitnessfunktionen nahezu gleich: Sie erwarten ein Konto auf den Servern des Herstellers, um relevante Körperwerte und später die Fitnessdaten zu speichern, auszuwerten und um daraus Analysen und Tipps für den Anwender zu generieren. Wer bereits ein Huawei-Smartphone besitzt, hat in der Regel auch schon eine Huawei-ID und diesen Schritt schnell abgeschlossen. Am längsten dauerte im Zuge der Einrichtung die anschließende Aktualisierung der Systemsoftware auf der Uhr.

Packungsinhalt
Packungsinhalt
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Gehäuse und Ausstattung

An Eleganz ist die Huawei-Smartwatch unter ihresgleichen aktuell kaum zu übertreffen. Beim 46-mm-Modell verbaut Huawei erstmals ein 3D-Glas, das sich über die gesamte Oberfläche spannt und am Rand über eine harte Kante optisch in eine Lünette umbricht. Das Testgerät wurde mit zwei dunklen Silikonbändern aus Fluorkautschuk geliefert, die auch beim Sport angenehm zu tragen sind. Die folgenden Bilder zeigen die unterschiedlichen Modellvarianten, darunter auch welche mit Leder- oder Metallarmband. Die Bandlängen sind laut Huawei für Handgelenkstärken zwischen 140 bis 210 mm Umfang konzipiert. 

46 mm Matt Schwarz
46 mm Matt Schwarz
Seitenansicht
Seitenansicht
46 mm Pebble Brown
46 mm Sunset Orange
46 mm Titanium Gray
42 mm Lake Cyan
42 mm Gravel Beige
42 mm Night Black
42 mm Refined Gold
42 mm Refined Gold, Seitenansicht

Über ein Mikrofon an der linken Gehäuseseite kann man Telefonate führen. Das Smartphone muss hierfür in Reichweite sein. Rechts sitzen der Lautsprecher und zwei Tasten. Die obere öffnet im normalen Betrieb die Anwendungsliste oder kehrt aus einer geöffneten App zum Zifferblatt zurück. Der unteren Taste kann man selbst eine App zuweisen. Die integrierte Taschenlampe beispielsweise oder den Player, um die Spotify-App auf dem iPhone zu steuern oder den Musikplayer auf dem Android-Smartphone, von wo aus Musik auch direkt auf die Uhr übertragen werden kann. Im Training kommen den Tasten andere Funktionen zu, wie das Starten und Pausieren des Workouts oder der Wechsel zwischen der Anzeige unterschiedlicher Trainingswerte. 

Was das Innenleben anbelangt, ist die Watch GT 2 die erste Smartwatch mit Huaweis hauseigenem Kirin A1. Auf dem weltweit ersten SoC mit zertifiziertem BLE/BT 5.1 Dual-Mode sitzt ein 356 MHz Audioprozessor, der gemeinsam mit der taktsynchronen Dual-Channel-Übertragungstechnologie ein beeindruckendes Audioerlebnis liefern soll; was letztlich natürlich auch von den eingesetzten Kopfhörern bzw. In-Ears abhängt. Aus Sicht von Huawei bieten sich da natürlich deren eigene FreeBuds 3 an, mit denen der Kirin A1 seine Premiere hatte.

Bedienung über Touchscreen oder zwei seitliche Knöpfe
Bedienung über Touchscreen oder zwei seitliche Knöpfe

Bedienung und Software

Wie eingangs erwähnt, setzt Huawei auf ein eigenes Betriebssystem und verzichtet, bislang zumindest, auf einen ergänzenden App-Store, so dass man sich mit den Basic-Apps begnügen muss, die die Chinesen vorinstallieren. Neben den Sport- und Fitness-Apps sind das lediglich Tools wie die Taschenlampe, Timer, Kompass und Barometer, eine Wetter-App und der Musikplayer.

Obwohl eingehende Anrufe mit dem zugehörigen Eintrag aus dem Adressbuch des Smartphones signalisiert werden, können ausgehende Gespräche nur über die Liste der letzten Anrufe initiiert oder eine Favoritenliste initiiert werden; die Favoriten müssen zuvor auf dem Smartphone erstellt und eigens übertragen werden. Dann ist Geschwindigkeit gefragt: Im Gespräch verdunkelt sich der Bildschirm postwendend oder kehrt zum Standby-Zifferblatt zurück. Zwar genügt ein Tastendruck oder leichtes Antippen des Touchscreens, um ihn zu reaktivieren, wer aber das Mikrofon stumm schalten oder den Anruf beenden will, muss sich beeilen, sonst ist das Display wieder schwarz. Funktioniert – kann aber ärgerlich sein, wenn einen der Anruf zu einem ungünstigen Zeitpunkt erwischt.

Wer das Smartphone öfter mal in der Tasche lassen und stattdessen über seine Huawei-Watch telefonieren will, tut gut daran, eine der beiden Apps, mit denen er Anrufe initiieren kann – Anruf- oder Favoritenliste – der unteren Taste zuzuweisen, um nicht für jeden Anruf durch die Apps scrollen zu müssen, die sich innerhalb der App-Liste nicht verschieben lassen. 

Es ist übrigens nicht möglich, aus der Benachrichtigung über einen verpassten Anruf gleich den Rückruf zu initiieren. Zwar kann man über die App steuern, welche Benachrichtigungen auf der Uhr landen sollen und welche nicht, interagieren kann man mit ihnen aber nicht. Zudem offenbarte sich in der Benachrichtigungsübersicht ein erster Bug: hin und wieder kam es vor, dass eine Benachrichtigung mehrfach angezeigt wurde, im gravierendsten Fall gleich elf mal.  

Gesundheit und Training

Die Autorin ist selbst keine ausdauernde Läuferin, durch das Testen smarter Wearables aber immerhin auf dem besten Weg. Für den Test der Huawei-Watch boten sich zur Abwechslung (und wunderbar passend zu einem Besuch in den österreichischen Alpen) Wanderungen an: Die Watch GT 2 besitzt einen barometrischen Sensor, der zu jeder Route auch die Höhendifferenzen erfasst. Die maximale Abweichung gegenüber geografischen Fixpunkten betrug beim Testgerät 9 m. Bei einer der Wanderungen verabschiedete sich das Monitoring allerdings nach etwa einer Stunde sang- und klanglos. In den Trainingsprotokollen fehlt von der durch ein Foto belegten Aufzeichnung jede Spur. Bei anschließenden Untersuchungen fällt auf, dass sich der Bildschirm zwar während des Workouts sperren lässt, die Sperre im Pause-Modus aber wirkungslos bleibt, die versehentliche Fortsetzung oder Beendigung eines angehaltenen Workouts also nicht verhindern würde. Die verschwundene Aufzeichnung lässt sich durch dieses Manko allerdings nach wie vor nicht erklären; denn auch beim versehentlichen Beenden des Workouts wird die bis dahin erbrachte Leistung gespeichert.

Für Verwirrung sorgten auch zwei Trainings-Modi mit der Bezeichnung Wandern. Eine von ihnen entpuppt sich in den zugehörigen Einstellungen als Bergwandern, was dem leicht umgestalteten Icon noch gerecht wird. Öffnet man die Aufzeichnung hernach auf dem Smartphone, wird das Workout dort aber als Klettern referenziert – eine buchstäblich steile Abweichung. Die Aufzeichnung an sich ist umfangreich, schon direkt auf der Uhr. In der App können die Diagramme aus dem dritten Screen auch vergrößert werden. 

Trainings-Protokoll (App)
Trainings-Protokoll (App)
Trainings-Protokoll (App), Details
Trainings-Protokoll (App), Geschwindigkeit
Trainings-Protokoll (App), Diagramme
Trainingsaufzeichnung der Uhr
Trainingsaufzeichnung der Uhr
Trainingsaufzeichnung der Uhr
Trainingsaufzeichnung der Uhr
Trainingsaufzeichnung der Uhr
Trainingsaufzeichnung der Uhr
Trainingsaufzeichnung der Uhr
Trainingsaufzeichnung der Uhr
Trainingsaufzeichnung der Uhr
Trainingsaufzeichnung der Uhr
Empfohlene Regenerationszeit

Auch sonst hat der digitale Fitness-Coach eigentlich viel zu bieten. Die Fitnessfunktionen gehen bei Huawei weit über das Workout selbst hinaus und reichen von der Optimierung mit Hilfe von Trainingsplänen bis zur Ermittlung der benötigten Zeit für die Regeneration danach. Zu den möglichen Sportarten zählt neben Spinning, Schwimmen und der zunehmend beliebter werdenden Rudermaschine auch Triathlon. Die kombinierte Aufzeichnung der unterschiedlichen Disziplinen mitsamt der Übergänge dazwischen beherrschen sonst eher Spezialisten wie Garmin. Sie gehört (noch) nicht zum regulären Repertoire von Fitness-Trackern. Darüber hinaus bieten 13 Stufenpläne Sportlern aller Leistungsstufen – Anfängern, Fortgeschrittenen und Leistungssportlern – die Möglichkeit, sich zu verbessern.

Im Trend liegende Health-Funktionen wie die Schlafanalyse hat natürlich auch Huawei auf dem Schirm und ergänzt sie mit einem optional aktivierbaren Stressmonitor: Nach Analyse eines sehr persönlichen Fragenkatalogs ist allabendlich ein Diagramm zur Stresssymptomatik des abgelaufenen Tages einsehbar - wie fast alles andere (mit Ausnahme einer GPS-basierten Routendarstellung) direkt auf der Uhr.

Workouts
Workouts
Laufkurse (Auswahl)
Laufkurse (Auswahl)
Laufkurse fettverbrennendes Laufen
Aerober Dauerlauf Einstieg
Aerober Dauerlauf Info
Aerober Dauerlauf Phasen
Stressdiagramm

Akku und Laufzeit

Bereits die Vorgängerin Huawei Watch GT konnte mit einer guten Laufzeit von ein bis zwei Wochen überzeugen. Bei den aktuellen Modellen hat die kleinere in 42-mm-Ausführung eine Akku-Kapazität von 215 mAh, beim größeren Testgerät mit 46 mm liegt sie bei 455 mAh. Dementsprechend unterscheidet sich auch die Laufzeit, die Huawei mit einer Woche für die kleinere Uhr und mit zwei Wochen für die größere angibt. Im Test hielt die große Huawei Smartwatch ziemlich genau 9,5 Tage. Getragen wurde sie während dessen fast rund um die Uhr bei permanent aktivierter Pulsmessung und etwa einstündiger GPS-Nutzung täglich. Der Standby-Screen mit vereinfachter Zeitanzeige war nicht aktiviert.

Einmal laden pro Woche ist nach aktuellem Stand eine Sache mit der man gut leben kann. Mitverantwortlich für die gute Ausdauer ist der verbaute Chip. Huawei legt bei der Entwicklung seiner Kirin-Chips großen Wert auf die Energieeffizienz und stattete den Anwendungsprozessor auf dem Kirin A1 mit einem eigenen Energie-Management aus. Die Stromaufnahme gibt Huawei mit 10 uA / MHz an und verweist darauf, dass dieser Wert deutlich unter dem marktweit üblichen Durchschnitt liege, der, den Chinesen nach, bei von 30 uA / MHZ liegt.

Fazit

Huawei Watch GT 2 zur Verfügung gestellt von Huawei
Huawei Watch GT 2 zur Verfügung gestellt von Huawei

Es kommt einem Spitzenturner gleich, der am Reck daneben greift und mit einem unsanften Abgang zu Boden geht: Die funktionale, ausdauernde und ausnehmend schöne Fitness-Uhr verliert die Trainingsaufzeichnung! Für jeden aktiven Sportler ist das ein No-Go, und wie verheerend wäre das für einen Triathleten! Zusammen mit den mehrfach zugestellten Benachrichtigungen oder der allzu schnellen Bildschirmabschaltung beim Telefonieren weist die Software im Testzeitraum Schwächen auf, die den Spaß an dem High-Tech-Gadget erheblich trüben. Nun lassen sich Softwarefehler für gewöhnlich durch Updates beheben. Ein solches erreichte uns bereits gegen Ende des Tests und soll dem Change-Log nach auch die Systemstabilität verbessert haben. Ob damit auch der Absturz im Training, der im Test später noch einmal vorkam, vom Tisch ist, lässt sich freilich so einfach nicht sagen.  

Die Watch GT 2 ist eine schöne und funktional durchdachte Smartwatch, auf die wir uns gerne würden verlassen können.

Auf der anderen Seite ist der Funktionsreichtum der Uhr inklusive Triathlon, Trainingsprogrammen und Stressdiagramm genauso wenig unter den Tisch kehrbar. Und das Energiemanagement des sparsamen Kirin A1 ist ein Pfund, mit dem sich die Watch GT 2 sehr gut behaupten kann. Daran gemessen stimmt auch der Preis. Zum Marktstart vom 16. - 30. Oktober gibt Huawei zudem die Körperfettwaage Huawei AH100 mit dazu. Das Angebot gilt auch bei Onlinehändlern wie Amazon

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Autor: Inge Schwabe, 16.10.2019 (Update: 17.10.2019)
Inge Schwabe
Anders als viele Techies fand ich nicht durch einen C64 oder dergleichen zur Technik; mich hat vielmehr der letzte Meter Kupferdraht fasziniert, über den ein Freund am anderen Ende der Leitung so glasklar zu hören war. Ich studierte Informatik und verfolgte danach über viele Jahre begeistert die Entwicklung des Telefons zum Smartphone. Aktuell werden Innovationen weniger, ihnen auf den Grund zu gehen aber bleibt spannend und interessant.