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KI im Klassenzimmer: Oxford-Studie diagnostiziert "synthetische Kognition" – Geschwindigkeit erkauft mit dem Verlust kritischen Denkens

KI im Klassenzimmer: Oxford-Studie diagnostiziert
KI im Klassenzimmer: Oxford-Studie diagnostiziert "synthetische Kognition" – Geschwindigkeit erkauft mit dem Verlust kritischen Denkens (Bildquelle: zapCulture auf Pixabay)
Künstliche Intelligenz (KI) findet breitere Anwendung im Bildungsbereich und verändert fundamental die Lernprozesse der sogenannten KI-nativen Generation. Eine aktuelle Studie der Oxford University (OUP) unter 2.000 britischen Schülern zeigt, dass zwar acht von zehn Jugendlichen KI nutzen und von gesteigerter Effizienz profitieren, die Technologie jedoch gleichzeitig das kritische Denken und die kreative Selbstforderung massiv beeinträchtigt, was die Forscher als gefährliche "synthetische Kognition" bezeichnen.

Die Integration Generativer Künstlicher Intelligenz (KI) in schulische Lehrpläne und Arbeitsprozesse vollzieht derzeit eine fundamentale kognitive Verschiebung in der Ausbildung der sogenannten KI-nativen Generation. Eine umfassende Studie der Oxford University liefert Einblicke in die tatsächlichen Auswirkungen dieser Werkzeuge. Die Analyse, die auf einer Befragung von 2.000 britischen Schülern im Alter von 13 bis 18 Jahren basiert, bestätigt zwar eine massive Adaption – acht von zehn Jugendlichen nutzen KI für ihre Schularbeiten –, doch die Forscher warnen eindringlich vor einer gefährlichen Verflachung des Lernprozesses, der in der Fachwelt als "synthetische Kognition" bezeichnet wird.

Kognitive Regression: Bequemlichkeit vs. Selbstforderung

Die Kerndiskrepanz der Forschungsergebnisse liegt in der gespaltenen Wahrnehmung der Schüler bezüglich des Technologietransfers. Einerseits bestätigen über 90 Prozent der Befragten eine durch KI geförderte Steigerung zumindest einer akademischen Fähigkeit. Angeführt wird die Statistik mit 18 Prozent von der Kompetenz im "Verstehen und Lösen von Problemen". Auch die "Geschwindigkeit der Informationsverarbeitung" wird von 12 Prozent als positiv beeinflusst genannt. Ein 14-jähriger männlicher Schüler kommentierte die Entwicklung mit der Aussage:

"I now think faster than I used to" ("Ich denke jetzt schneller, als ich es früher getan habe")

Diese beobachtete Effizienzsteigerung steht jedoch im direkten Konflikt mit der kognitiven Tiefe, die für akademischen Erfolg und unabhängiges Denken unabdingbar ist.

 

 

 

Die negativen Auswirkungen überwiegen in der subjektiven Wahrnehmung: Sechs von zehn Schülern gaben an, KI habe ihre Fähigkeiten negativ beeinflusst. Die primäre Gefahr sehen die Schüler selbst in der Passivität: Ganze 26 Prozent der Befragten monierten, KI mache es ihnen

"too easy to find the answers without doing the work myself" ("zu einfach, die Antworten zu finden, ohne die Arbeit selbst zu machen").

Diese Übernahme fundamentaler Arbeitsschritte führt zur Reduzierung der Selbstforderung, was eine 13-jährige Schülerin mit der prägnanten Feststellung zusammenfasste:

"It does not allow me to challenge myself" ("Es erlaubt mir nicht, mich selbst herauszufordern").

Die Folge dieser Bequemlichkeit ist eine spürbare Abhängigkeit, die ein anderer 13-jähriger Schüler zugab:

"I am dependent on it now" ("Ich bin jetzt abhängig davon").

Der Preis der Geschwindigkeit: Verlust von Kreativität und intellektueller Tiefe

Die Dimension des Berichts manifestiert sich insbesondere im Bereich des kreativen und kritischen Denkens. Die Tendenz zur maschinellen Generierung von Inhalten korreliert direkt mit der selbstdiagnostizierten Abnahme eigener Denkprozesse. Zwölf Prozent der Schüler sehen ihr "kreatives Denken" direkt eingeschränkt, während zehn Prozent angeben, es falle ihnen schwerer, kreativ zu schreiben, da die KI die Formulierung übernehme.

Diese empirischen Befunde unterstreichen die Warnung von Dr. Erika Galea, Expertin für Educational Neuroscience, die im Bericht darauf hinweist, dass die Lernenden

"gain fluency and speed in processing ideas, but sometimes lose the depth that comes from pausing, questioning and independent thought" ("Geläufigkeit und Geschwindigkeit beim Verarbeiten von Ideen gewinnen, aber manchmal die Tiefe verlieren, die durch Innehalten, Hinterfragen und unabhängiges Denken entsteht").

Die Forscher legen den Schluss nahe, dass diese "synthetische Kognition" zwar das Lernen beschleunige, jedoch die Entwicklung essenzieller metakognitiver Fertigkeiten unterbinde.

Anfälligkeit für Fehlinformationen

Zusätzlich zu den kognitiven Verflachungen offenbart die Studie eine Anfälligkeit für Fehlinformationen. Fast die Hälfte der Schüler (47 Prozent) gab an, sich sicher zu sein, dass sie KI-Fehlinformationen erkennen könnten. Ein Drittel (32 Prozent) erklärte, die Echtheit von KI-Inhalten nicht beurteilen zu können, während weitere 21 Prozent unsicher waren.

Die Schüler sind sich gleichzeitig der Risiken bewusst: 60 Prozent der Jugendlichen befürchten, dass KI-Tools das reine Kopieren statt der Erstellung von Originalarbeiten fördere, und 51 Prozent sorgten sich vor der Verbreitung von Vorurteilen oder Stereotypen durch KI-Ressourcen.

 

 

 

Die Forderung nach Pädagogischer Souveränität und klaren Richtlinien

Angesichts dieser Risiken äußerten die befragten Schüler einen Wunsch nach Intervention und Struktur durch die Bildungseinrichtungen. 51 Prozent der Jugendlichen fordern von ihren Schulen klarere Richtlinien, wann KI-Tools im Rahmen der Schularbeiten verwendet werden dürfen. Fast die Hälfte (48 Prozent) wünscht sich dezidierte Unterstützung durch Lehrkräfte, um die Vertrauenswürdigkeit und Zuverlässigkeit von KI-generierten Inhalten beurteilen zu können. Diese Forderung korrespondiert mit der ebenfalls geäußerten Wahrnehmung, dass ein Drittel der Schüler ihre Lehrer als "nicht zuversichtlich" im Umgang mit KI-Ressourcen im Unterricht einschätzt.

Die Schlussfolgerung der Oxford-Studie richtet sich daher direkt an die Pädagogik: Die Schulen müssen die Schüler befähigen, die Technologie als Werkzeug zur Reflexion und kritischen Auseinandersetzung zu nutzen, statt sie als Krücke zur Vermeidung intellektueller Anstrengung zu akzeptieren. Das Endziel der Bildung bleibe – trotz aller technologischer Evolution – das unabhängige und kreative Denken. Die OUP-Expertin Olga Sayer fasst dies zusammen:

"AI has changed how we learn, but it has not changed why we learn" ("KI hat verändert, wie wir lernen, aber es hat nicht verändert, warum wir lernen").

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> Notebook Test, Laptop Test und News > News > Newsarchiv > News 2025-10 > KI im Klassenzimmer: Oxford-Studie diagnostiziert "synthetische Kognition" – Geschwindigkeit erkauft mit dem Verlust kritischen Denkens
Autor: Ulrich Mathey, 20.10.2025 (Update: 24.10.2025)