Tap+Ride: Wiener Linien bringen kontaktloses Zahlen per Visa & Co in den ÖPNV

Die Wiener Linien haben Tap+Ride eingeführt. Ab sofort ist es möglich mit einigen Kredit- und Debitkarten direkt ein Ticket für den Nahverkehr zu kaufen. Im zunächst einjährigen Pilotbetrieb werden Mastercard und Visa unterstützt, wie uns die Wiener Linien auf Nachfrage sagten. Auf der Homepage stand ursprünglich noch, dass gängige Kartensysteme unterstützt werden. Das wurde mittlerweile präzisiert.
Andere Kartensysteme wie American Express oder die für Touristen aus Asien wichtigen Kartensysteme JCB und Unionpay werden erst einmal nicht unterstützt. Es handelt sich aber auch erst einmal nur um einen Pilotbetrieb.
Technisch arbeitet das System über den EMV-Contactless-Standard, den man am Wellensymbol beispielsweise auf einer Kreditkarte findet. Es gibt mittlerweile kaum noch Karten, die nicht EMV in der Contactless-Variante unterstützen.
Im Smartphone (oder der Smartwatch) übernimmt der NFC-Standard die EMV-Funktion über den sogenannten Card Emulation Mode. Ein iPhone oder Android-Smartphone tut also nur so, als wäre es eine Kreditkarte. Laut Wiener Linien wird Apples Express Mode unterstützt, der in der Regel auch funktioniert, wenn der Akku fast leer ist (Gangreserve). Das ist auch vorteilhaft, da man für den Express Mode sich nicht autorisieren muss. Es reicht das iPhone vor die Ticketmaschine zu halten.
Interessant: Googles Transit Insights wird ebenfalls unterstützt. Mit Google Transits Insights ist theoretisch auch ein integriertes Fare Capping möglich. Wie die Wiener Linien uns jedoch sagten, ist die Funktion im Pilotbetrieb nicht aktiv.
Erstmal nur Einzelfahrausweise mit Tap+Ride
Nach derzeitigem Stand sind also nur Einzelfahrausweise möglich. Dazu wird auf den Ticketautomaten am Touchscreen die Anzahl der Tickets ausgewählt. Es sind auch mehrere möglich oder das Kaufen von Ermäßigungsfahrscheinen. Letzteres ist ein Vorteil gegenüber klassischen Tap+Ride-Systemen. Wer mit Kind und Kegel unterwegs ist, kann also alles über eine Karte erledigen. Allerdings müssen unterschiedliche Tickettypen in zwei Schritten gekauft werden. Nur wenn man einen einzelnen Tickettyp kauft, also etwa nur Erwachsenentickets, ist das über einen Schritt möglich.
Eine weitere Einschränkung betrifft den Flughafen Wien und damit insbesondere Touristen. Der liegt nämlich außerhalb des Netzes der Wiener Linien und ist damit nicht über klassische Einzelfahrscheine abgedeckt. Hier ist also weiter der herkömmliche Kaufweg notwendig. Tap+Ride-Tickets sind nur in der Kernzone Wien gültig und werden in den Hintergrundsystemen gespeichert. Bei einer Kontrolle muss also die Debit- oder Kreditkarte gezeigt werden.
Wer aus beruflichen Gründen ein Ticket braucht, der kann prinzipiell auch eine Rechnung seitens der Wiener Linien bekommen. Dafür muss aber ein Kundenkonto eingerichtet werden. Das Anmeldeformular ist auch in englischer Sprache verfügbar.
Initial haben die Wiener Linien insgesamt neun Stationen mit Tap+Ride-Terminals ausgestattet: Erdberg, Westbahnhof, Zieglergasse, Neubaugasse, Südtiroler Platz – Hauptbahnhof, Stephansplatz, Schwedenplatz, Spittelau, Bahnhof Meidling. Es sind also einige Bahnhöfe dabei die nicht nur stark frequentiert sind, sondern auch von Touristen besucht werden.
Im Vergleich zu anderen Städten hat Wien sich lange einem modernen ÖPNV-Ticket-System verweigert. Dafür hat man nun einige Schritte übersprungen.
Andere Städte arbeiten schon lange mit solchen Systemen
Tap+Ride ist zunächst als einjähriges Pilotprojekt vorgesehen, um zu erforschen, wie gut das System funktioniert. Ein Erfolg dürfte aber eigentlich garantiert sein. Schließlich ist weltweit gesehen Wien recht spät dran. Die südkoreanische Stadt Busan hat bereits 1996 das kontaktloses Bezahlen vorbereitet und führte die Karte 1997 ein (Namu-Wiki-Artikel zur Kontroverse), feiert also dieses Jahr das 30-Jährige Jubiläum. Kurz darauf folgte Hong Kong und nach dem Jahrtausendwechsel startete das IC-System in Japan. Auch in Europa ging es sehr früh los.
Vorreiter war etwa Berlin: 1999 führte die BVG erfolgreich das Tick.et als Forschungsprojekt ein, allerdings ging der Stadt aufgrund einer selbstverschuldeten Finanzkrise dann das Geld aus und nur mit Mühen konnte man überhaupt den U-Bahn-Betrieb aufrechterhalten. Trotz großem Erfolg wurde das System also nicht weiter verfolgt.
In Europa ist vor allem Oyster bekannt und schon recht alt. Oyster ist mittlerweile sogar an seine Grenzen gekommen, sodass einige wenige Stationen nur per EMV erreichbar sind. Bei Oyster braucht es aber – wie bei vielen Systemen – auch einen Check-Out, der in Wien nicht notwendig ist.
Die Entwicklung solcher Systeme konnte sich Wien also bisher ersparen, auch wenn man dadurch keine einfache Lösung anbieten konnte, die insbesondere für Gelegenheitsfahrgäste oder auch Touristen gut genutzt werden konnte. Doch das ändert sich nun. Wir gehen davon aus, dass die anderswo bewährte Technik auch in Wien langfristig eingesetzt werden kann.
Quelle(n)
Wiener Linien





