Die KI-Suche in Google Fotos kostet ein Modell deines Gesichts

Die KI-Suche in Google Fotos beantwortet Fragen, an denen eine normale Suche scheitert. Wo war ich letzten Sommer campen. Zeig mir alle Bilder, auf denen meine Tochter lacht. In Deutschland läuft die Funktion seit März, in der App heißt sie "Frag Google Fotos" und in der Hilfe "Google Fotos fragen". Was sie voraussetzt, steht in einem Abschnitt der Hilfeseite, den man erst aufklappen muss.
Zwei Schalter müssen an sein, bevor die Suche antwortet
Google nennt vier Bedingungen, und zwar mindestens 18 Jahre alt, berechtigter Nutzer in einem freigeschalteten Land, Gesichtergruppierung eingeschaltet und das eigene Gesicht darin ausgewählt, dazu die Schätzung des ungefähren Aufnahmeorts. Die ersten beiden sind Formalien, die anderen beiden der eigentliche Preis.
Zur Gesichtergruppierung schreibt Google auf einer eigenen Hilfeseite: "Durch das Aktivieren der Funktion 'Gesichtergruppierung' bestätigen Sie, dass Modelle der Gesichter auf Ihren Fotos erstellt werden dürfen. Diese Modelle gelten in einigen Rechtsprechungen möglicherweise als biometrische Daten." Der Konjunktiv stammt von Google selbst. Erstellt werden diese Modelle für jedes Gesicht in der Mediathek, also auch für Freunde, Kinder und zufällig mitfotografierte Fremde. Wer die Funktion später abschaltet, löscht damit die Gruppen, die Modelle und alle selbst vergebenen Namen. Solange sie an bleibt, gilt laut englischer Fassung derselben Seite, dass Modelle, Gruppen und Labels gespeichert und genutzt werden, bis man sie selbst löscht oder das Konto zwei Jahre unbenutzt bleibt.
Was Google eine Ableitung nennt
Aufschlussreicher als die Bilder ist, was Google daraus zieht. Der Privacy Hub sagt es ohne Umschweife: "Unter Umständen verarbeiten wir Ihre Fotos und Videos, um Bearbeitungen zu verbessern oder Rückschlüsse zu ziehen. Zu den Rückschlüssen gehören Informationen über Personen, [...] das Schätzen des Alters und der Standorte Ihrer Top-Gesichtergruppen oder das Ableiten von Erkenntnissen zu Ihrem Leben."
Also das geschätzte Alter und die geschätzten Aufenthaltsorte jener Menschen, die am häufigsten auf den eigenen Bildern erscheinen. Dazu Erkenntnisse zum Leben, ein Ausdruck, den Google an keiner Stelle näher bestimmt. Diese Rückschlüsse fließen laut derselben Seite zurück in personalisierte Erinnerungen, Bearbeitungen und Kreationen. Wie großzügig Google im Gemini-Umfeld mit Aufbewahrungsfristen umgeht, hat zuletzt der Fall der gelöschten Chats gezeigt.
Das Wort, an dem der Trainingssatz hängt
Zweimal gut sichtbar steht auf derselben Seite der Satz, der die Sorge zu erledigen scheint: "Wir trainieren mit Ihren personenbezogenen Daten aus Google Fotos keine generativen KI-Modelle außerhalb von Google Fotos." Eingeklappt im Frage-und-Antwort-Teil folgt die Einschränkung. Google trainiere keine Modelle außerhalb von Google Fotos "direkt mit Ihren Bildern und Audioinhalten aus Ihrer Google Fotos-Galerie". Bei Verknüpfung anderer Google-Dienste dagegen "kann Google Daten wie Zusammenfassungen, Schlussfolgerungen und generierte Medien, die auf den Inhalten Ihrer Fotogalerie basieren, zum Trainieren verwenden".
Das Wörtchen direkt trägt den Unterschied. Ausgenommen sind Bilder und Audio, während Google Zusammenfassungen und Schlussfolgerungen im selben Satz ausdrücklich als Trainingsmaterial nennt. Neu ist diese Klausel obendrein, denn ein Blick ins Internet Archive zeigt, dass die Seite im Stand vom 12. November 2025 davon kein Wort enthielt, weder vom Training auf Zusammenfassungen noch von Erkenntnissen zum Leben. Im Januar-Stand 2026 steht beides wortgleich so da wie heute.
Für deutsche Leser hat der Absatz einen Haken, und der spricht ausnahmsweise für Google. Die Verknüpfung von Google Fotos mit den Gemini-Apps wird im gesamten Europäischen Wirtschaftsraum nicht angeboten. Die Länderliste in Googles Hilfe enthält kein einziges EU-Land, und eine zweite Hilfeseite führt die Funktion ausdrücklich als nicht verfügbar im Europäischen Wirtschaftsraum. Die Trainingsklausel beschreibt hier also, was sich Google für den Tag vorbehält, an dem die Verknüpfung kommt. Dass Google einzelne Funktionen in Europa spät oder gar nicht freischaltet, war zuletzt beim Agenten Spark zu sehen.
Wo die Schalter sitzen
In der Android-App führt der Weg über das Profilbild oben rechts, dann Google Fotos-Einstellungen, Einstellungen, Gemini-Funktionen in Google Fotos. Dort liegen vier Schalter übereinander, und der oberste schaltet sämtliche Gemini-Funktionen ab. Der zweite nimmt nur die KI-Suche heraus und lässt die klassische Fotosuche stehen. Der dritte regelt, ob die eigenen Anfragen zur Verbesserung des Dienstes manuell gelesen werden dürfen, der vierte den Aktivitätsverlauf. In derselben Ansicht steht die Erinnerungsliste mit allen Fakten, die man der KI im Gespräch mitgegeben hat, und löschen lässt sich dort nur Zeile für Zeile.
Die Gesichtergruppierung sitzt woanders, nämlich unter Google Fotos-Einstellungen im Bereich Datenschutz. Sie ist der Hauptschalter hinter allem anderen, denn ohne sie läuft die KI-Suche gar nicht erst an. Wer lediglich den obersten Gemini-Schalter umlegt, behält die Gesichtsmodelle im Konto. Auch das ist eine dieser Einstellungen, die man einmal setzt und dann vergisst, ähnlich wie der alte Freigabe-Link, der Jahre später noch Namen und Mailadresse zeigt.
Eine Einordnung gehört dazu, weil zu diesem Thema viel Falsches kursiert. Das Portal Mimikama hat im April ein Sharepic geprüft, das behauptete, Google trainiere seine KI mit der privaten Fotobibliothek, und hat es als irreführend eingestuft. Diese Bewertung trifft zu. Genau das sagt Google nicht, und wer es behauptet, argumentiert an der Sache vorbei. Unbehandelt blieb dort allerdings die Frage nach den Ableitungen, und darauf steht die Antwort in Googles eigenem Text.
Übrig bleibt eine schlichte Abwägung. Die KI-Suche in Google Fotos ist bequem und findet Aufnahmen wieder, nach denen man sonst eine halbe Stunde scrollt. Sie kostet ein Modell jedes Gesichts in der eigenen Mediathek, geschätzte Standorte der wichtigsten Personen darin und Schlussfolgerungen über das eigene Leben, deren Umfang Google offen lässt. Wer das für einen fairen Tausch hält, lässt die Schalter an. Wer nicht, braucht für das Gegenteil zwei Minuten.







