Seit dem Fahrplanwechsel 2025 ist die neue Koralmbahn zwischen Graz und Klagenfurt in Österreich vollständig im Betrieb. Sie ist Teil der nun erweiterten Südstrecke von Wien bis an die Grenze und beschleunigt den Verkehr enorm. Mit einer Reisezeit von etwas über 3:10 bis 3:30 Stunden – je nachdem, wieviele Halte es gibt – sparen sich die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) bis zu 45 Minuten und können mit demselben Zug von Wien aus sowohl Graz als auch Klagenfurt bedienen.
Gerade zwischen Graz und Klagenfurt wird hier extrem viel Zeit eingespart. Die Fahrt mit der Bahn hat sich vor dem 14. Dezember eigentlich nicht gelohnt. Gut drei Stunden war man unterwegs, wobei tatsächlich auch weiter Züge diese Strecke bedienen, allerdings als Regionalverkehr mit Interregio-Zügen (IR, Update: Laut ÖBB fahren Interregios im "inneralpinen Fernverkehr"). Die alte Strecke wird also natürlich weiterhin genutzt. Früher gab es aber zusätzlich einen Intercitybus (ICB, Web Archive). Der Bus bot sogar eine 1. Klasse mit einigen Plätzen in einer 4er-Konfiguration samt geteiltem Tisch.
Zwischen Graz und Klagenfurt brauchte der Bus gut zwei Stunden. Das gibt eine ungefähre Vorstellung, welch ein Umweg für die Eisenbahn mal notwendig war. Aber das ist nun vorbei. Wiener mit Ziel Klagenfurt können die neue Koralmbahn nutzen und Grazer kommen in die Nachbarstadt nun bestenfalls in 41 Minuten. Wir haben die Verbindung mit einem regulären Railjet ausprobiert, der noch zwei Unterwegshalte hatte und damit formal 54 Minuten unterwegs war.
Zum Arbeiten ist das schon fast zu wenig Zeit. Wir haben uns dafür in der 1. Klasse eine Fahrkarte gekauft. Dank ÖBB-Vorteilscard kostete die gut 20 Minuten vor Abfahrt gebuchte Fahrt nur 31 Euro inklusive einer Reservierung. Da die Vorteilscard 73 Euro kostet und unseren Preis halbierte, macht sich diese Rabattkarte ziemlich schnell bezahlt, wenn man spontan fährt.
Bei der Fahrt konnten wir einen guten Eindruck davon gewinnen, wie leistungsfähig die Erweiterung der Südstrecke ist. Vorab: Unser 54-Minuten-Zug verfrühte sich gleich dreimal zwischen Graz und Klagenfurt um 2 Minuten und das trotz erkennbarer gemütlicher Fahrweise. Wenn die ÖBB es will, kann sie selbst mit dem Railjet ohne Express deutlich schneller fahren. Vermutlich hat auch der Railjet Express (RJX) ohne Stop noch Reserven und könnte die Strecke unter 41 Minuten schaffen. Der hinter uns fahrende RJX kam allerdings pünktlich in Klagenfurt an, war allerdings im Unterschied zu unserem Zug auch ganz gut gefüllt. Fahrgastwechsel sind bei Fernverkehrszügen immer eine zeitraubende Komponente. Nachtrag: Mittlerweile konnten wir am 30. Dezember den Rückweg mit einem Railjet Express fahren, der alle Unterwegshalte auslässt. Dieser fuhr um 13:59 Uhr verspätet in Klagenfurt ab und erreichte Graz um 14:40 Uhr. Auch hier fuhr der Zug aber nimmt immer mit der maximal möglichen Geschwindigkeit. Insbesondere vor dem Koralmbahntunnel fuhr er teilweise unter 200 km/h.
Aber kommen wir zu der Fahrt mit unserem Zug, der pünktlich um 15:03 Uhr Graz verließ. Der Zug kann weitestgehend auf eigene Gleise setzen. Es geht nämlich auf zwei zweigleisigen Strecken nach Süden. Einmal die Koralmbahn, auf der wir waren, und daneben die stark durch den Nahverkehr genutzte Südbahn in Richtung Maribor (Slowenien).
Kurz vor dem Flughafen Graz tauchte unser Railjet dann in einen Tunnel ab. Der Flughafen-Bahnhof wird also nur vom Nahverkehr bedient. Dank umfangreicher Infrastruktur ist es aber technisch möglich, vom Flughafen Graz direkt nach Klagenfurt zu fahren. Die S-Bahnen nutzen diesen Weg zur Weststeiermark.
Die S-Bahnen sind dadurch sogar schneller als die Regionalexpress-Züge (REX61), die auf der alten Strecke unterwegs sind.
Weststeiermark ist auch unser nächster Bahnhof gewesen. Dieser Bahnhof liegt gewissermaßen im Nirgendwo. Doch hat dies auch einen tieferen Sinn. Denn hier können Railjet-Fahrgäste in den Nahverkehr umsteigen, wie etwa der besagten S-Bahn vom und zum Flughafen. Dafür ist der Bahnhof äußerst großzügig ausgestattet (Openrailwaymap), inklusive eines Bahnhofsvorplatzes für den intermodalen Verkehrsträgerwechsel, den wir uns aber nicht anschauen konnten. Es gibt zudem eigene Bahnsteige für die S-Bahn/Regios und die Railjets, die dort halten, werden von der eigentlichen Strecke auf eigene Gleise geführt. Dank Durchfahrtsgleisen kann ein RJX hier einfach mit vollem Tempo durchbrettern und einen langsameren Railjet während des Halts überholen.
Apropos Tempo: Unser Railjet erreichte die Höchstgeschwindigkeit von 230 km/h ungefähr im Bereich von Werndorf, also grob auf der Hälfte der Strecke zwischen Graz und dem Bahnhof Weststeiermark. Hier gibt es also nichts zu meckern, zumal wir uns – wie zuvor erwähnt – verfrühten. Dieser Streckenabschnitt zeichnet sich durch einige wenige Tunnel aus und bietet sonst einen guten Blick auf die noch nicht allzu bergige Landschaft.
Ab durch den Koralmtunnel
Hinter der Weststeiermark geht es dann aber in das Kernstück der Verbindung, den Koralmtunnel. Auch hier erreichten wir die Höchstgeschwindigkeit. Doch auf der Webseite des Zuges war nicht erkenntlich, wo wir uns eigentlich befinden. Die Webseite meldete den Verlust des GPS-Signals, was zu erwarten war. Unser Zug beschleunigte daher witzigerweise auf der Statuswebseite auf Tempo 230 und verharrte dabei am Tunneleingang.
Bei der Beschleunigung fiel uns dann auf, dass ab etwa 200 km/h, die wir 4 Minuten nach der Abfahrt erreichten, nur noch sehr langsam die Geschwindigkeit erhöht wurde. Als wir uns St. Paul im Lavanttal näherten, bremste der Zug auch noch sehr sanft ab. Sonderlich viel Mühe beim Erreichen der Geschwindigkeit war ohnehin nicht notwendig, weil wir auch bei diesem Zwischenhalt 2 Minuten zu früh ankamen. Der Bahnhof ist übrigens auch wieder hervorragend ausgestattet, um RJX-Züge durchrauschen zu lassen und trotzdem für alle anderen Züge viel Infrastruktur zu bieten.
Zusammen mit dem Fahrgastwechsel waren also 4 Minuten gelangweilt im Zug zu überstehen, denn im Tunnel sahen wir nicht viel und kurz vor dem Bahnhof war auch nicht viel zu sehen, außer dass wir uns gefühlt in einer komplett anderen Klimazone befanden. Aus dem sonnigen Wetter in Graz um 15:03 Uhr wurde um 15:33 Uhr eine ziemliche Wettersuppe. So ist das in bergigen Regionen.
Um 15:37 Uhr ging es dann auf das letzte Segment. Auch hier wurden wieder 230 km/h erreicht, bei wenig spektakulärer Aussicht. Immerhin gibt es nur noch wenige Tunnel. Eine Panoramabahn ist die Koralmbahn jedenfalls nicht, und so erreichten wir um 15:55 Uhr eher gelangweilt mal wieder zu früh den Bahnhof Klagenfurt. (Nachtrag: Bei gutem Wetter gibt es in Richtung Klagenfurt ab und an doch eine nette Aussicht.)
Gute Laufruhe, nicht so gutes WLAN
Während der recht kurzen Fahrt haben wir auch auf die Laufruhe geachtet. Unsere Garnitur war ein Railjet der 1. Generation, gezogen von einer Taurus-Lokomotive. Die Fahrt war dabei weitestgehend in Ordnung. Tippen war gar kein Problem und auch das präzise Nutzen unseres Trackpads wurde nicht durch spontane Ruckler gestört. So ruhig, dass man eine Münze balancieren kann, wie die ÖBB es gerade in Social-Media-Kanälen bewerben, ist die Fahrt aber nicht. Bei manch einer Kurve hätten wir uns etwas mehr Gleisüberhöhung gewünscht. Gerade in der Rechtskurve ab Vidra vas-Dob (Update: Gemeint ist Wiederndorf – Aich, Apple Maps, das wir zur Streckenverfolgung genutzt haben, verwendet in der englischen Einstellung für diese Region slowenische Namen) merkt man die Fliehkräfte recht deutlich und ab Kühnsdorf wurde es kurz vor Klagenfurt kurzzeitig auch etwas ruppig. Aber die Seitwärtsbewegungen waren weiter so gering, dass ein Arbeiten nicht gestört wurde.
Unser Zug war übrigens in einem guten Zustand. Es war beispielsweise keine Flachstelle in einem der Radreifen zu hören. Das fängt ein gutes Drehgestell aber ohnehin ab. Ob das Fahrgefühl mit einem Railjet der 2. Generation besser ist, können wir noch nicht beurteilen.
Alles in allem ist das aber nur Jammern auf sehr hohem Niveau. Arbeiten ist kein Problem, wäre da nicht das WLAN.
Denn die Netzverbindung in der fast leeren 1. Klasse war ziemlich langsam. Wir haben mit dem Mobilfunk Besseres erreichen können. Problematisch war im WLAN vor allem die Latenz. Der Aufruf einer Webseite konnte schon mal ein paar Sekunden brauchen. Hier haben wir mehr erwartet, zumal das WLAN in Österreich durch die vielen Touristen auf der Strecke von besonderer Bedeutung ist. Eine Österreich-eSIM ist also definitiv auch für die Bahnreise eine sinnvolle Ergänzung. Auf das WLAN wollen wir uns jedenfalls nicht verlassen müssen. Das ist uns übrigens auch vorher schon zwischen Wien und Graz aufgefallen. Mobilfunk ist kein Problem in der bergigen Region gewesen. WLAN hingegen machte keinen Spaß.
Besonderheiten Koralmbahn
Die neue Strecke gehört zu jenen, die die ÖBB im ETCS-Only-Betrieb (Level 2) durchführen. Österreichs Plan ist es, Neubaustrecken nur noch mit dem Zugsicherungs- und Signalsystem ETCS auszustatten. In den nächsten Jahren planen die ÖBB enorme Anstrengungen, um das gesamte Netz auf ETCS umzurüsten (PDF).
Auffallend viele Züge hatten bei unserer Testfahrt zudem eine Taurus-Lok vor dem Steuerwagen gespannt, darunter auch ein Comfortjet (Update: Railjet) der ČD mit Taurus, oder führten vorne und hinten eine Lok mit. Wir kennen das sonst nur vom Railjet der 2. Generation (Vectron als Lok) oder auch dem ICE L (Vectron statt Talgo 105 als Lok). Nach unseren Informationen gibt es einen Zusammenhang mit ETCS. Wir haben diesbezüglich eine Anfrage bei den ÖBB gestartet und werden den Artikel gegebenenfalls hier aktualisieren.
Westbahn im Koralmtunnel
Ab März 2026 bekommt die ÖBB außerdem noch Konkurrenz in ihrem Tunnel. Die Westbahn wird dann ebenfalls die Neubaustrecke nutzen, wie sie bereits angekündigt hat. Es wird das erste Mal sein, dass die Westbahn Züge auf der Südstrecke einsetzen wird.
Die Westbahn will sogar die Designgeschwindigkeit des neuen Tunnels ausnutzen, denn ihre Stadler-Garnituren des Typs Smile schaffen nämlich 250 km/h. Die von Siemens Mobility gefertigten Railjets kommen nur auf 230 km/h. Selbst mit den geplanten Zwischenstopps sollte sich dies auf der Koralmbahn ausfahren lassen. Es entsteht dadurch jedenfalls eine interessante Konkurrenzsituation, für die die Westbahn extra drei Smile-Garnituren angeschafft hat. Die Züge können mit bis zu 0.77 m/s2 beschleunigen.
Die Westbahn will die Verbindung mit einem Zwischenhalt in Kühnsdorf Klopeiner See binnen 44 Minuten schaffen.
Weitere Beschleunigung mit dem Semmering-Basistunnel
Auf der Südstrecke gibt es noch eine Stelle, durch die die Züge zwischen Wien und Graz/Klagenfurt besonders langsam, wenn auch optisch sehr eindrucksvoll fahren: die Semmeringbahn. Hier geht es sehr kurvig und vor allem langsam durch das Gebirge. Doch seit 2012 wird an einer Beschleunigung gebaut, der Semmering-Basistunnel.
Der gerade einmal 27 km lange Tunnel wird die Reisezeit auf der Südstrecke noch einmal um gut 30 Minuten reduzieren. Statt mit Tempo 40 bis 60 geht es dann mit 230 km/h auch durch diesen Tunnel. Sollte es keine weiteren Verzögerungen mehr geben, dann kann mit der Beschleunigung zum großen Fahrplanwechsel im Jahr 2030 gerechnet werden. Klagenfurt ist dann von Wien aus in nur noch 2:40 Stunden erreichbar. Die Westbahn könnte das dann vielleicht noch etwas unterbieten, sollte sie dann Express-Services anbieten.
Fazit: Der Koralmtunnel ist eine hervorragende Netzergänzung
Es ist manchmal schon faszinierend, was ein bisschen Tunnelstrecke bewirken kann. Der rund 33 km lange Koralmtunnel als Kernstück der Koralmbahn macht Graz zu einem Vorort von Klagenfurt und Klagenfurt zu einem Vorort von Graz. Natürlich ist so ein Tunnelbau ein enormer Aufwand. Aber die gut 15 Jahre Bauzeit haben sich in unseren Augen gelohnt. Das Gesamtprojekt Koralmbahn dauerte rund 30 Jahre.
Die ÖBB kann nun mit denselben Zügen sowohl Graz als auch Klagenfurt ab Wien abdecken, was der Kapazität der Strecke sicher gut tut. Nicht zu vergessen, dass nun auch Venezia Santa Lucia von Graz aus direkt erreichbar ist. Nebenbei schicken die ÖBB auch einige Wien-München-Züge auf diese Strecke. Letzteres ist natürlich ein Umweg, aber ein potenziell deutlich effizienteres Betriebskonzept. Gleichzeitig bekommt Österreich so auch mehr Redundanz ins Netz. Durch zunehmende Wetterkatastrophen wird das immer wichtiger, wie die Sperrung der Westbahn 2024 leider zeigte. Mit der Koralmbahn hat Österreich jetzt ein robusteres Netz.
Für weitere Informationen rund um die nun möglichen Verbindungen bieten die ÖBB eine Streckennetzkarte (PDF) und die deutlich technischere Infrastrukturnetzkarte (PDF).
Quelle(n)
Eigene Recherchen


















