Intel: Neue Atom-Plattform Bay Trail offiziell vorgestellt

Intel: Neue Atom-Plattform Bay Trail offiziell vorgestellt
Intel: Neue Atom-Plattform Bay Trail offiziell vorgestellt
Mit der längst überfälligen Ablösungen der in die Jahre gekommenen Atom-Architektur möchte Intel wieder ganz oben im SoC-Geschäft mitspielen. Die neue Bay-Trail-Plattform zielt nicht nur auf Android- und Windows-Tablets, sondern soll in einer ganzen Reihe verschiedener Produkte zum Einsatz kommen.

In den letzten Jahren war die Atom-Baureihe gewissermaßen das Stiefkind in Intels CPU-Familie: Mit dem Niedergang der Netbooks brach der Hauptabsatzmarkt der sparsamen Low-Cost-CPUs in kürzester Zeit nahezu vollständig weg, während Intel es gleichzeitig versäumte, mit der notwendigen Aggressivität neue Segmente zu erschließen. Zwar konnte man zuletzt einige Erfolge mit Windows-8-basierten Tablets und Detachables feiern, der ganz große Durchbruch – insbesondere im Android-Markt – blieb jedoch aus.

Die Ursache dafür liegt auf der Hand: Nach jahrelanger höchst zögerlicher Weiterentwicklung der Atom-Architektur sind es mittlerweile ARM-Chips wie Qualcomms Snapdragon-Serie, die den Ton bei den Low-Power-SoCs angeben. Um diese Phalanx zu durchbrechen, musste Intel einen echten Neubeginn wagen – und hat dies mit der Silvermont Mikroarchitektur getan.

Übersicht der Silvermont-Produkte

Zielsetzung war dabei, das neue Kerndesign in einer ganzen Reihe von Märkten einsetzen zu können. Dazu zählen unter anderem Mikroserver (Codename "Avoton"), Kommunikations- und Netzwerksysteme ("Rangeley") sowie Smartphones ("Merrifield"). Der Fokus des heutigen Launches liegt allerdings auf der "Bay Trail"-Plattform, die für Notebooks und Tablets mit Windows- oder Android-Betriebssystem konzipiert wurde.

Silvermont Mikroarchitektur

Wenden wir uns zunächst den neuen Silvermont-Kernen zu. Diese repräsentieren eine komplette Neuentwicklung, bei der Intel erstmals in der Atom-Historie auf ein leistungsfähiges Out-of-Order-Design und die moderne 22-Nanometer-Fertigung mit Tri-Gate-Transistoren setzt. Der bereits von Ivy Bridge und Haswell bekannte Prozess wurde speziell auf die Anforderungen eines Low-Power-SoCs optimiert (Bezeichnung P1271) und ist einer der Hauptgründe für die stark verbesserte Energieeffizienz.

Da neben der Pro-MHz-Leistung auch die Taktraten kräftig steigen und nun bis zu 4 Kerne zum Einsatz kommen, wird der Wegfall von Hyper-Threading mehr als kompensiert. Mit einem als "Burst Technology" bezeichneten Turbo-Modus (dynamische Taktung und Aufteilung der TDP zwischen CPU und GPU), SSE bis Version 4.2 und AES-Beschleunigung entspricht das Featureset immerhin der 2010 vorgestellten Westmere-Architektur.

Grafikeinheit und Multimedia

Ähnlich grundlegende Änderungen hat die Grafikeinheit erfahren. Diese basiert auf Intels DirectX-11-fähiger Gen7-GPU (Ivy-Bridge-Serie), bietet hier allerdings nur 4 EUs (HD Graphics: 6 EUs) und taktet mit maximal 667 MHz deutlich niedriger – im Vergleich zu früheren Atom-GPUs dennoch ein deutlicher Schritt nach vorn. Das gilt auch für die Multimedia-Fähigkeiten der neuen Generation: So kann Bay Trail nicht nur mit einem besonders sparsamen Videodecoder für die gängigsten Codecs glänzen (bis zu 4K und 100 Mbit/s), sondern verfügt auch über einen spezialisierten H.264-Hardwareencoder ähnlich zu Quick Sync. Das Bildsignal kann per HDMI 1.4 (max. 1.920 x 1.080) oder DisplayPort 1.2 (max. 2.560 x 1.600) an bis zu zwei Displays ausgegeben werden.

6 verschiedene Bay-Trail-SoCs

Die Tablet-Version von Bay Trail, gekennzeichnet durch ein "Z" am Anfang der Modellnummer, startet zunächst mit sechs verschiedenen Modellen. Vorläufiges Topmodell ist dabei der Z3770, ein bis zu 2,4 GHz schneller Quad-Core mit Dual-Channel-Speicher (LPDDR3-1067). Den gleichen SoC offeriert Intel auch mit Single-Channel-Anbindung (DDR3L-RS-1333) unter dem Namen Z3770D; dadurch halbiert sich jedoch die mögliche Speicherausstattung auf 2 GB (Z3770: 4 GB) und die maximale Displayauflösung sinkt auf 1.920 x 1.200 Pixel (Z3770: 2.560 x 1.600).

Ähnlich verhält es sich bei den etwas langsameren Modellen Z3740 und Z3740D. Auch diese verfügen über vier CPU-Kerne und unterscheiden sich jeweils lediglich im Speicherinterface. Anstatt 2,4 GHz beträgt die maximale Taktrate nur 1,8 GHz, sodass die Performance ein gutes Stückchen niedriger ausfallen dürfte.

Bei den beiden noch verbleibenden Ablegern handelt es sich um Dual-Core-Modelle, die mit bis zu 2,0 GHz takten und auf preiswerte Android-Geräte zielen. Auch in puncto Displayauflösung und Speicherkapazität muss der Käufer hier gewisse Abstriche in Kauf nehmen: Der Z3680 ist auf 1.280 x 800 Pixel und 1 GB RAM limitiert, der Z3680D bewältigt immerhin 1.920 x 1.200 Pixel und 2 GB RAM.

Nur am Rande erähnt Intel die verschiedenen Notebook- und Desktop-Versionen, die ebenfalls mit dem heutigen Tage eingeführt werden. Genauere Details zum Pentium N3510, Celeron N2910, N2810 und N2805 (Notebook) sowie Pentium J2850, Celeron J1850 und J1750 (Desktop) haben wir in unserer CPU-Datenbank zusammengetragen.

Hersteller-Benchmarks

Erste, von Intel selbst stammende Benchmarkwerte bescheinigen dem Flagschiff Z3770 eine überaus konkurrenzfähige CPU-Performance. Im SPECint-Benchmark, der die Integer-Leistung bei Single- und Multi-Threading beurteilt, verpricht der Hersteller einen Vorsprung von über 50 Prozent auf Qualcomms 2,3 GHz schnellen Snapdragon 800. Auch Nvidias jüngst vorgestellter Tegra-4-Chip soll um rund 30 Prozent überflügelt werden. Es gilt natürlich noch abzuwarten, ob sich diese Relationen auch in anderen Programmen bestätigen – die Wahrscheinlichkeit, dass Intel mit dem Z3770 die Krone des schnellsten Tablet-Prozessors gewinnt, ist aber außerordentlich hoch. Bezüglich der Performance unter Windows können wir von 1,47 Punkten (Z2760: 0,55 Punkte) im Cinebench R11.5 (32 Bit) sowie 338 Millisekunden (Z2760: 701 Millisekunden) in Sunspider 0.9.1 berichten.

Einen ebenfalls recht vielversprechend Eindruck hinterlässt die integrierte Grafiklösung. Zwar vermeidet Intel den direkten Vergleich mit aktuellen High-End-SoCs und stellt Bay Trail nur Tegra 3 und einem Snapdragon S4 Plus entgegen, doch werden diese älteren Modelle sehr deutlich geschlagen. Gegenüber dem Vorgängermodell Atom Z2760 (Clover Trail) soll die Performance im 3DMark Ice Storm Test um den Faktor 4,8 gestiegen sein – damit sollte der Z3770 bei einem Score von etwa 12.000 Punkten landen. Dies würde recht genau dem Niveau der Adreno 320 entsprechen, die unter anderem im aktuellen Nexus 7 oder dem Samsung Galaxy S4 zu finden ist. An Nvidias Tegra 4 (13.500 Punkte) oder gar die neue Qualcomm Adreno 330 im Snapdragon 800 (circa 20.000 Punkte nach ersten Meldungen) kommt Intel aber voraussichtlich nicht heran. In Windows-Spielen wie Tourchlight 2 ist die Rede von einer Leistungssteigerung um den Faktor 3 verglichen zu Clover Trail.

Um die genannten Performancewerte auch sinnvoll einordnen zu können, fehlt bislang noch ein entscheidender Faktor: Die Leistungsaufnahme. Laut Hersteller soll ein Bay-Trail-Tablet mit 30-Wh-Akku stolze 3 Wochen Standby beziehungsweise über 8 Stunden Videowiedergabe bewältigen – das würde knapp dem Niveau von Apples iPad 4 entsprechen. Spannend bleibt die Frage, wie hoch der Verbrauch unter Volllast ausfällt und ob die SoCs von übermäßigem Throttling verschont bleiben. In einem ersten Vorseriengerät sollen die CPU-Kerne des Z3770 im Cinebench R11.5 lediglich 2,4 Watt benötigen – und gleichzeitig beeindruckende 1,47 Punkte in der 32-Bit-Version des Benchmarks erreichen. Im Leerlauf nimmt dieses "Preproduction System" zwar minimal mehr Leistung als sein Clover-Trail-Pendant auf, besitzt im Gegenzug aber einen noch sparsameren Videodecoder. Genaueres werden die ersten finalen Produkte verraten, die noch in diesem Jahr auf den Markt kommen sollen.

Quelle(n)

Intel: www.intel.com

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Autor: Till Schönborn, 11.09.2013 (Update: 11.09.2013)