Es war eine Nacht, die China verändern sollte. In der Dunkelheit des 13. Oktobers rast ein Xiaomi SU7 Ultra mit über 150 km/h durch die Straßen Chengdus, überschlägt sich und verwandelt sich binnen Sekunden in einen lodernden Sarg (wir berichteten). Was folgt, ist ein Albtraum, der das Image des Tech-Riesen für immer beschädigen könnte: Verzweifelte Passanten schlagen sich die Händen an den Scheiben des brennenden Fahrzeugs blutig, ziehen, treten, schreien - doch die Türen des Xiaomi-Autos bleiben verschlossen. Eine "elektronische Autofestung", die den 31-jährigen Fahrer bei lebendigem Leib verbrennen lässt.
Während die Rettungskräfte noch mit den Überresten des E-Auto-Wracks kämpfen, erreicht der Skandal für viele Chinesen eine surreale Ebene: Xiaomi-Gründer Lei Jun, der bisher in der öffentlichen Sicht als umsichtig geltende Patriarch des Tech-Imperiums, postet scheinbar unbekümmert auf Weibo und Co. lächelnde Selfies aus der Idylle des Pamir-Gebirges, wo er Testfahrten mit dem neuen SUV YU7 von Xiaomi genoss. Dieser grotesk anmutende Kontrast zwischen Tod und Lächeln entfacht in China gerade einen Sturm der Entrüstung, der die Autosparte des Konzerns an den Rand des Abgrunds zu treiben scheint.
Eine Autotür, die zum Todesurteil wird
Der schreckliche Unfall von Chengdu mit einem SU7 von Xiaomi ist kein Zufall, sondern die schockierende Wiederholung tragischer Unglücksfälle. Bereits im März 2025 verbrannten drei Studentinnen in einem baugleichen SU7; eingesperrt in einem E-Auto, das seine Insassen nicht mehr freigab. Das vermeintliche und gehypte Design-Highlight - elegante, vollelektronische Türgriffe - entpuppt sich im Fall des Xiaomi-Boliden als tödliche Falle.
Angesichts des aktuellen Horror-Crashs des Xiaomi SU7 werden gerade die Autoexperten aller Couleur in den chinesischen Medien rauf und runter befragt, die den augenscheinlich "fatalen Mechanismus" der Türen beim Xiaomi-BEV erklären: Bei einem Stromausfall nach einer Kollision versage das System vollständig. Eine mechanische Notentriegelung von außen gebe es nicht beim SU7. Selbst die Feuerwehr benötigte, den Berichten zufolge, 12 lange Minuten, um das Autowrack mit schwerem, hydraulischem Werkzeug zu öffnen - eine Ewigkeit; zu lange, um den SU7-Fahrer nach diesem tragischen Unfall lebend zu bergen.
Die örtliche Verkehrspolizei bestätigte zwar inzwischen in einem offiziellen, ersten Bericht, dass der Fahrer mutmaßlich unter Alkoholeinfluss stand. Doch diese Tatsache wird in der öffentlichen Debatte in China momentan zur absoluten Nebensache. Im Fokus der öffentlichen Diskussion steht das vermeintliche "Versagen der Technologie", das bisherige Schweigen des Konzerns stößt auf absolutes Unverständnis.
Xiaomi sieht sich mit beispielloser öffentlicher Reaktion konfrontiert
Die chinesische Öffentlichkeit reagiert auf die Vorfälle mit einer für Xiaomi bislang ungewöhnlichen Intensität. Medienberichten zufolge verließen innerhalb eines Monats etwa 290.000 Follower Lei Juns Weibo-Account. Ein viel geteilter Kommentar brachte die Stimmung auf den Punkt: "Der Follower-Verlust sendet ein klares Signal: Der Mythos Lei Jun wird gerade hinterfragt." Auch die Börse zeigte sich verunsichert: Die Xiaomi-Aktie verlor zeitweise bis zu 7 Prozent an Wert. Zusätzlich mehren sich in sozialen Medien kritische Stimmen zum Kundenservice. Kunden berichten von unbefriedigenden Reaktionen auf ihre Sicherheitsbedenken.
Xiaomi zwischen Performance-Versprechen und Sicherheitsdebatte
Hinter der aktuellen Diskussion zeigt sich eine grundlegende Spannung im Markenversprechen von Xiaomi Auto. Der Konzern hatte sich beim SU7 Ultra mit besonders beeindruckenden Performance-Daten positioniert - 350 km/h Höchstgeschwindigkeit, Beschleunigung von 0 auf 100 km/h in unter zwei Sekunden. Laut Branchenbeobachtern sprach dies besonders junge Käuferschichten an; über 80 Prozent der SU7-Fahrer sollen unter 31 Jahren alt sein. Die jüngsten Vorfälle werfen jedoch die Frage auf, inwieweit das Versprechen eines "Supersportwagens für alle" mit den Anforderungen an alltagstaugliche Sicherheit in Einklang zu bringen ist. Die anfängliche Euphorie um "Geschwindigkeit als Glaube" weicht nun einer kritischeren Betrachtung.
Xiaomi an strategischem Wendepunkt
Die aktuelle Situation stellt Xiaomi Auto vor eine bedeutende Bewährungsprobe. Chinesische Analysten deuten die Lage als potenziellen Wendepunkt, der die künftige Positionierung der Automobilsparte mitbestimmen könnte. Als zentrale Schritte werden eine zügige technische Klärung der Türproblematik, transparente Aufklärung der Vorfälle und eine glaubwürdige Kommunikation genannt. Die Reaktion von Konzernchef Lei Jun auf der World Intelligent Connected Vehicles Conference deutet bereits eine strategische Neuakzentuierung an: die Betonung von Sicherheit als Fundament und der Aufruf zu branchenweiter Zusammenarbeit. Wie ein chinesisches Sprichwort sagt: "Das Vertrauen der Menschen zu gewinnen dauert Jahre, es zu verlieren nur Sekunden." Für Xiaomi geht es nun darum, dieses Vertrauen durch transparentes Handeln zurückzugewinnen.
Nachtrag & Klarstellung zum ursprünglichen Artikel vom 14.10.2025
(Stand: 17. Oktober 2025)
Nach Veröffentlichung dieses Artikels erreichten uns von Xiaomi Deutschland und aus China ergänzende Informationen. Die aktuelle Medienberichterstattung im Land der Mitte zeichnet inzwischen ein weitaus differenzierteres Gesamtbild, das neben der Sicherheitsdebatte auch positive Geschäftsaussichten und technologische Fortschritte beleuchtet. Der Artikel wurde an den entsprechenden Textpassagen redigiert.
Die Rede Lei Juns im Kontext der WICV
Xiaomi-Chef Lei Jun nutzte seinen Auftritt auf der World Intelligent Connected Vehicles Conference (WICV) - Chinas wichtigster Fachkonferenz für Intelligente Vernetzte Fahrzeuge - in Beijing, um auch auf die jüngste Krise zu reagieren. Er forderte die gesamte Branche auf, Sicherheit als Grundlage zu nehmen, Ressourcen auf technologische Forschung und Entwicklung zu konzentrieren und gemeinsam gegen "Internet-Trolle und Black PR" vorzugehen.
Lei Jun enthüllte zudem weitere Details zur Entwicklung bei Xiaomi
- Verkaufszahlen & Investitionen: Lei Jun bestätigte die Auslieferung von etwa 400.000 Xiaomi-Fahrzeugen im laufenden Jahr. Er kündigte Investitionen von 5,79 Milliarden RMB (etwa 696 Millionen Euro) in die Entwicklung von Fahrassistenzsystemen an und betonte die serienmäßige Ausstattung des YU7 mit 700 TOPS Rechenleistung, Lidar und 4D-Millimeterwellenradar (4D-Radar) zur Verbesserung der Sicherheit.
- Finanzen & Zukunft: Die Investmentbank BOCI Research bekräftigte am 15. Oktober ihr "Buy"-Rating für Xiaomi und sieht kurzfristig ein Potenzial für eine monatliche Produktion von fast 50.000 Einheiten im vierten Quartal. Das Basismodell SU7 verzeichnet weiterhin starke Nachfrage; die Kritik betrifft primär das Ultra-Modell. Im zweiten Quartal 2025 stieg der Umsatz um 30,5 Prozent. Zudem plant Xiaomi als drittes Modell ein großes 6-sitziges SUV in der Preisspanne von etwa 24.000 bis 36.000 Euro.
- Kritikpunkte: Der Aktienrückgang belief sich auf maximal 7 Prozent (nicht 9 Prozent) mit anschließender Erholung. Während die Sicherheitsdiskussion um die Türmechanik des SU7 Ultra weiter andauert, kritisieren chinesische Medien zudem nach wie vor Lei Juns Postings von YU7-Testfahrten am Tag nach dem tödlichen Unfall, in denen die Tragödie nicht erwähnt wurde. Laut Xiaoxiang Morning Post und Nanjing Morning Post verlor Lei Juns Weibo-Account innerhalb von 30 Tagen (11.9. bis 11.10.2025) etwa 290.000 Follower.
























