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Meinung: Das erste faltbare Samsung-Handy Galaxy Fold wird ein Flop

Hier sieht man bereits recht schön, warum das Galaxy Fold nicht ganz so perfekt ist, weder als Tablet noch als Smartphone.
Hier sieht man bereits recht schön, warum das Galaxy Fold nicht ganz so perfekt ist, weder als Tablet noch als Smartphone.
Nach dem Hype der letzten Jahre rund um das erste faltbare Tablet/Smartphone von Samsung und der durchaus gelungenen Präsentation im Rahmen des Unpacked-Events diese Woche, ist es an der Zeit, sich einmal mit den tatsächlichen Vor- und Nachteilen des Galaxy Fold auseinanderzusetzen und die Vorstellung von der schönen faltbaren Handy-Zukunft vielleicht ein wenig zurechtzurücken.

Samsung hat es getan - das Galaxy Fold ist nach Jahren der Gerüchte und Patent-Leaks zwar nicht das erste faltbare Mobilgerät am Markt, immerhin haben die Südkoreaner anlässlich des 10-Jahre-Galaxy-Jubiläums aber noch vor Huawei und den anderen Smartphone-Größen eine prestigeträchtige Technologiedemo zelebriert und das Galaxy Fold in Action gezeigt (hier ein Replay). Zu haben ist es ab Ende April in den USA und ab dem 3. Mai auch in Europa, allerdings zu einem Preis von knapp 2.000 US-Dollar, womit wir gleich beim ersten Problem des Galaxy Fold wären. Abgesehen von einigen Youtube-Influenzern, Hardware-Testern oder tech-affinen Rich-Kids wird es nur wenige Durchschnittskonsumenten geben, denen das Gebotene diese Summe wert sein wird, auch nicht, wenn man dafür als einer der ersten weltweit mit einem funktionierenden Falt-Handy angeben kann.

Das Promo-Video und die von Samsung bisher gezeigten Bilder, echte Hands-On-Berichte und Tests gibt es aufgrund der strikten Regeln von Samsung noch nicht, stellen natürlich die Vorteile des Galaxy Fold in den Vordergrund, etwa die optimierte Software, die den nahtlosen Wechsel zwischen Handy- und Tablet-Modus beherrscht, oder die parallele Nutzung von drei Apps am ausgeklappten 7,3 Zoll-Infinity-Flex-Display. Auch die technischen Daten der Hardware sollen überzeugen, doch diesbezüglich gibt es bei näherer Betrachtung einiges zu bemängeln, im Folgenden daher eine (durchaus nicht vollständige) Auflistung aller potentieller und offensichtlicher Schwächen im Vergleich mit einer traditionellen Smartphone&Tablet-Kombo, wie sie 2019 für deutlich weniger Geld erhältlich ist.

Die (potentiellen) Schwächen des Galaxy Fold

  • Preis/Leistungsverhältnis passt nicht
  • Zu viele Designfehler für ein aktuelles Luxus-Accessoire 
  • Tablet-Teil zu klein für produktiven Einsatz
  • Technische Daten und Ausstattung für 2019 nicht durchgängig überzeugend
  • Potentielle Kinderkrankheiten

Im folgenden will ich ein wenig auf einige der angesprochenen Punkte eingehen und insbesondere in Bezug auf das Preis/Leistungsverhältnis bewerten. Mangels persönlicher Erfahrung mit einem Testgerät kann hier natürlich nur auf die bereits bekannten und von Samsung freigegebenen Daten und Bilder zurückgegriffen werden. Möglicherweise entschädigt die haptische Falt-Erfahrung den einen oder anderen für die angesprochenen Mängel, ich bezweifle allerdings, dass dies längerfristig befriedigend genug ist, um letztlich nicht doch wieder zu herkömmlichen Produkten zu greifen. Huawei, und viele andere prominente Hersteller werden in Kürze recht ähnliche Produkte präsentieren, ob diese es schaffen, einige der angesprochenen Punkte schon mit der ersten Generation zu vermeiden, wird die nahe Zukunft weisen.

Die offiziellen Renderbilder des Galaxy Fold von Samsung.
Die offiziellen Renderbilder des Galaxy Fold von Samsung.

Viel teurer als herkömmliche Tablet und Phone-Kombo

Das Galaxy Fold will ein klassisches 2-in-1 sein, im Gegensatz zu den Tablet/Laptop-Kombos, bei denen man je nach Produkt mittlerweile nur mehr recht wenige Kompromisse eingehen muss, macht das Falt-Tablet aber weder als Tablet noch als Handy eine gute Figur. Kein Konsument würde 2019 ein derart kleines Tablet mit dicker asymmetrischer Notch akzeptieren und als Handy wirkt es mit seinem dicklicken Design und den massiven Rändern rundherum wie ein Prototyp längst vergangener Tage. Angesichts des Preisniveaus hinkt auch der Vergleich mit einem klassischen 2-in-1 zwischen Laptop und Tablet, um 2.000 US-Dollar bekommt man mit zwei separaten herkömmlichen Produkten in jedem Fall viel besser ausgestattete Produkte sowohl von Samsung selbst als auch von der Konkurrenz.

Zu unattraktiv für ein Luxus-Accessoire

Im High-End geht es mehr denn je um Design und hier enttäuscht das Galaxy Fold abseits vom Novelty-Factor beim genaueren Hinsehen ebenfalls. Über die Dicke des zusammengefalteten Riegels könnte man vielleicht noch hinwegsehen, angesichts der konstanten Reduktion der Ränder auf unseren mobilen Geräten und der bisherigen Weigerung Samsungs, sich dem Notch-Trend der Konkurrenten anzuschließen, verwundert es aber sehr, dass nun ausgerechnet aus Südkorea ein in diesen Punkten derart veraltet und unattraktiv wirkendes Design gewählt wurde.

Die Front mag auf den optimierten Renderbilder zwar attraktiv aussehen, sobald das nur 4,6 Zoll große Frontdisplay aber eingeschaltet wird, dürfte es schwer fallen, über die unerhört dicken Ränder an allen vier Seiten hinwegzusehen, hinzu kommt im gefalteten Zustand ein möglicherweise recht dicker Spalt wie das Bild ganz oben aus dem Promo-Video nahelegt.  Auch beim Aufklappen trifft einen Notch-Hasser, wie sie bei Samsung-Fans ja als verbreitet gelten, fast der Schlag angesichts der asymmetrischen Displayeinbuchtung an der rechten oberen Seite, die zudem viel breiter ist als für die beiden Kameras eigentlich nötig wäre. Warum sie wirklich so groß ausfällt, muss uns Samsung erst noch erklären! 

Das kleine 4,6 Zoll-Display an der Front ...
Das kleine 4,6 Zoll-Display an der Front ...
... verliert sich inmitten der dicken Ränder.
... verliert sich inmitten der dicken Ränder.
Die asymmetrische Notch am 7,3 Zoll-Display ...
Die asymmetrische Notch am 7,3 Zoll-Display ...
... wirkt viel breiter als für die Kameras nötig.
... wirkt viel breiter als für die Kameras nötig.

Der Einsatz als Tablet und seine Probleme

Der Charme eines faltbaren Tablets ist natürlich primär der häufige Einsatz als Tablet. Wer das nicht braucht, kann ja gleich zu einem normalen Smartphone greifen. Hier enttäuscht das Galaxy Fold wohl am meisten. Der ganze Aufwand wird betrieben, um ein nur 7,3 Zoll großes Display zu enthüllen - das schafft etwa ein Mate 20 X mit seinem 7,2 Zoll Display als reines Smartphone, wenn auch in einem länglichen Format. Das Huawei-Phablet wird dabei angesichts der deutlich reduzierten Ränder nur minimal größer sein als das Galaxy Fold (konkrete Abmessungen zum Galaxy Fold sind noch nicht bekannt) und in jedem Fall deutlich dünner. 

Das faltbare Tablet von Samsung ist deutlich kleiner als das iPad mini und selbst 8 Zoll gelten für einen produktiven Tablet-Einsatz eigentlich als viel zu klein, insbesondere wenn man tatsächlich mit drei Apps parallel arbeiten will. Die Bilder von der Präsentation zeigen zwar, dass das prinzipiell möglich ist, der zur Verfügung stehende Platz für die beiden Apps an der rechten Seite dürfte in der Praxis aber viel zu gering sein. Hier lege ich persönlich mehr Hoffnung auf die Tri-Fold-Designs, an denen Xiaomi offenbar arbeitet, alternativ könnte man auch ganz auf den Einsatz als Tablet verzichten und einfach ein größeres Handy kleiner machen, wie es beispielsweise die Konzepte von Motorolas Razr 2019 nahelegen.

Drei Apps sind am Infinity-Flex-Display möglich, der Platz ist aber viel zu beschränkt.
Drei Apps sind am Infinity-Flex-Display möglich, der Platz ist aber viel zu beschränkt.

Technische Daten und Features wirken unausgewogen

Auch die bisher bekannten technischen Daten enttäuschen etwas. Einerseits setzt Samsung mit einem bisher noch nicht näher spezifizierten aber offenbar aktuellen 7 nm-Prozessor, 256 GB an schnellem UFS 3.0 Speicher und 12 GB RAM auf hohe Performance, andererseits ist wohl kein Platz mehr für Kopfhöreranschluss oder (laut aktueller Hinweise auch) Micro-SD-Slot, beides für Samsung angeblich so wichtig und auf einem All-in-One-Begleiter sicherlich praktisch. Auch der duale und von Samsung als Powerhouse bezeichnete 4.380 mAh Akku könnte sich für eine Verwendung als Tablet und Smartphone letztlich als unterdimensioniert herausstellen, hier müssen wir aber wohl abwarten, wie sich das Produkt im Test schlägt.

Analog zum fragwürdigen Design hat Samsung auch bei den am Markt gerade gängigen Biometrieverfahren einen unerwartet altmodischen Weg beschritten. Weder eine 3D-Gesichtserkennung a'la Face ID von Apple noch ein im Android-Umfeld trendiger Fingerabdrucksensor im Display wurde in Samsungs Prestigeobjekt integriert, zumindest hat Samsung bis dato nichts davon erwähnt. Stattdessen gibt es einen traditionellen Sensor an der Seite - ganz im Gegensatz zum Galaxy S10, das bereits ab 900 Euro einen schnellen Ultraschall-Sensor im Randlos-Display bewirbt. Warum Samsung bei einem 2.000 US-Dollar-Flaggschiff auf diese modernen Features verzichtet, ist dem Durchschnittskonsumenten wohl nur schwer zu erklären.

Kein moderner Ultraschall-Sensor im Display wie am Galaxy S10, sondern ein seitlich integrierter wie im günstigeren Galaxy S10e.
Kein moderner Ultraschall-Sensor im Display wie am Galaxy S10, sondern ein seitlich integrierter wie im günstigeren Galaxy S10e.

Potentielle Kinderkrankheiten

Das Galaxy Fold ist das erste Produkt seiner Art und wird als solches wohl primär beim finanzstarken Early-Adopter reifen. Als potentielle Schwachstellen, die wir aktuell natürlich noch nicht kennen, wird sich eventuell das brandneue Infinity-Flex-Display herausstellen, denn mangels Glasschutz setzt Samsung höchstwahrscheinlich auf eine Schutzschicht aus Plastik, die, und auch das ist aktuell eine Annahme, deutlich weniger kratzresistent sein wird, als wir es von aktuellen Tablets und Smartphones gewohnt sind (Als Negativbeispiel seien die Motorola-Experimente mit dem Shattershield-Display genannt). Auch Scharnier und die Faltstelle im Display könnten sich bei längerer Benutzung als Schwachstellen entpuppen, die wohl angesichts des Preisniveaus nicht akzeptabel wären.

Schließlich wird sich gerade im Android-Umfeld auch die App-Kompatibilität als Fallgrube erweisen - Samsung arbeitet zwar mit Google und einigen prominenten App-Entwicklern zusammen, doch die Erfahrung mit Android auf Tablets lässt mich nicht gerade hoffnungsfroh in die faltbare Zukunft blicken - viele Apps sind nach wie vor nicht in der Lage, korrekt oder gar optimal mit dem zusätzlichen Platz eines Tablets umzugehen, wobei faltbare Designs andererseits, sofern sie am Markt vom Konsumenten auch wirklich angenommen werden, eventuell auch als Weckruf für das Android-Ökosystem wirken könnten - hier hat Apple mit iOS jedenfalls die Nase vorn.

Wie stabil ist die Faltstelle, wie kratzresistent das Plastik-Display des Galaxy Fold?
Wie stabil ist die Faltstelle, wie kratzresistent das Plastik-Display des Galaxy Fold?

Fazit und Einsatz als 3-in-1

Last but not least möchte ich auch den potentiellen Einsatz des Galaxy Fold als 3-in-1 in Form eines Notebook-Ersatzes in Frage stellen, den Samsung in der Präsentation angedeutet hat. Zwar unterstützt das Galaxy Fold offenbar die Desktop-Erweiterung DeX, doch als klassischer Laptop-Ersatz wie bei Tablets mit Kickstand und Covertastatur durchaus üblich, taugt es aufgrund seines Formfaktors eher nicht - auch hier also eine Einschränkung gegenüber anderen Tablets am Markt, die sich für deutlich weniger Geld auch als Notebook eignen.

Abschließend kann man meine frühe Kritik am Galaxy Fold wohl mit dem eingangs erwähnten Preis/Leistungsverhältnis zusammenfassen. Wer 2.000 US-Dollar für das Galaxy Fold investiert, verliert jede Menge Möglichkeiten und Features der separaten Produktkategorien und gewinnt letztlich nur die Falt-Erfahrung und möglicherweise ein wenig Platz in der Tasche. Selbst als Technologiedemo wirkt das faltbare Samsung-Handy auf den zweiten Blick etwas enttäuschend, dazu fehlen zumindest der ersten Generation viele Trends der letzten Monate. Somit ist das Galaxy Fold 1 ein teurer Prototyp, der wohl frühestens 2020 zu einem besseren und hoffentlich attraktiver bepreisten Produkt führen wird. 

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Autor: Alexander Fagot, 22.02.2019 (Update: 22.02.2019)
Alexander Fagot
Alexander Fagot - Editor
Als Tech- und Gadget-begeisterter Allrounder mit Desktop-Selbstbau- und Overclocking-Vergangenheit, arbeitete ich als Filmvorführer noch mit dem guten alten 35 mm Film, bin dann zusehends auch professionell in die Computerwelt geschlittert und schuftete einige Jahre als Windows-Admin und Projektmanager. Nach längeren Reisen schreibe ich nun von allen Ecken dieser Welt aus als News-Redakteur für Notebookcheck und konzentriere mich im Moment tendenziell auf den Bereich Mobile.