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iPhone X: Face ID und Sicherheit im Alltag - eine kurze Analyse.

30.000 IR-Punkte scannen das Gesicht - ähnlich wie die Microsoft Kinect im Horrormovie "Paranormal Activity 4".
30.000 IR-Punkte scannen das Gesicht - ähnlich wie die Microsoft Kinect im Horrormovie "Paranormal Activity 4".
Nach dem Verkaufsstart befindet sich das iPhone X nun bereits einige Tage in den Händen von neugierigen und gewieften Usern, die Hunderte Male die Face ID-Funktion ausprobiert und dessen Zuverlässigkeit getestet haben. Wir wollen wissen, ob Face ID sicher genug im Alltag ist und wie es sich von anderen Gesichtserkennungs-Methoden der Vergangenheit abhebt.

Face ID und iPhone X sind seit der Apple-Präsentation im September 2017 zwei unzertrennliche Begriffe. Kaum verwunderlich, ist doch Face ID in der Funktionsweise, die uns Apple liefert, nicht nur das erste Mal auf einem iPhone zu finden, sondern überhaupt eine neue Technologie auf dem Smartphonesektor. Die Idee ein Smartphone über Gesichtserkennung zu entsperren ist, seitdem Smartphones mit Frontkameras ausgestattet werden, zwar keinesfalls neu, wurde aber bisher immer sehr leicht überlistet. 

Google startete den Versuch mit der Gesichtserkennung bereits bei der Einführung von Android 4 “Ice Cream Sandwich” im Oktober 2011. Dieser ersetzte aber bei Weitem nicht den PIN-Code, sondern wurde mehr als Spaßfeature gesehen, da bereits ein einfaches Foto der Person das System überlisten konnte. Aber auch Samsung mit dem aktuellen Top-End-Smartphone Galaxy S8 und seiner Gesichtserkennungs-Technologie schafft hier keinen überzeugenden Schutz. In diesem Videobeweis sehen wir, wie einfach das S8 mit einem Selfie ausgetrickst werden kann. Das weiß auch Samsung und erlaubt aus diesem Grund die Verwendung der Gesichtserkennung nicht für Samsung Pay.

Ein Foto reichte bereits aus, um die Gesichtserkennung bei Android 4 aussteigen zu lassen. (Bildquelle: winfuture.de)
Ein Foto reichte bereits aus, um die Gesichtserkennung bei Android 4 aussteigen zu lassen. (Bildquelle: winfuture.de)

Zurück zum Apple iPhone X, hier scheint Apple im Bereich der Gesichtserkennung mit Face ID nun allen einen Schritt voraus zu sein. Denn da steckt mehr Technik dahinter, als ein Chip, der ein Gesichtsfoto mit einem bereits gespeicherten Foto vergleicht und dann entscheidet, ob es sich dabei um dasselbe Gesicht handelt oder nicht. Ein Infrarotsender schickt 30.000 gleichmäßig verteilte Punkte aus und die eingebaute IR-Kamera analysiert die Deformation dieser Punkte beim Auftreffen auf das Gesicht. Dieselbe Technologie hat übrigens Microsoft Kinect bereits 2011 für die Spielekonsole angewendet, um den Spieler im Raum zu erkennen. Manche erinnern sich vielleicht an die Szenen aus dem Horrorfilm “Paranormal Activity 4”, in der die Lichtpunkte von Microsoft Kinect sichtbar sind.

Die Microsoft Kinect Spielekonsole im Horrorfilm "Paranormal Activity 4" projiziert ebenfalls tausende Infrarot-Punkte in den Raum.
Die Microsoft Kinect Spielekonsole im Horrorfilm "Paranormal Activity 4" projiziert ebenfalls tausende Infrarot-Punkte in den Raum.
Dieselbe Technologie wird bei Face ID verwendet. (Bildquelle: theverge.com)
Dieselbe Technologie wird bei Face ID verwendet. (Bildquelle: theverge.com)


Dadurch werden auch die Tiefe und die 3D-Form des Gesichts erkannt, was ein Austricksen mit einem davor gehaltenen Foto unmöglich macht. Jedoch 100 prozentige Sicherheit existiert auch nicht mit Face ID. Im Internet kursieren diverse Videos in allen möglichen Varianten, die entweder das eine oder das andere beweisen. In diesem Video erkennt das iPhone X sogar, dass es sich hierbei um zwei Zwillinge handelt und entsperrt das iPhone X nur bei der richtigen Person.


Wer nun allerdings glaubt, das sei der ultimative Beweis dafür, dass das iPhone X sogar eineiige Zwillinge voneinander unterscheiden kann, der sollte sich dieses Video auf Reddit ebenfalls anschauen. Hier fällt das iPhone X auf zwei normale Brüder hinein. Sobald sich der zweite Bruder auch die schwarz-umrandete Brille aufsetzt, entsperrt sich das iPhone X. Aber auch starkes und direktes Sonnenlicht können den IR-Sensoren Probleme bereiten, Sonnenbrillen (sogar mit polarisierenden Gläsern) oder Baseballkappen wiederum nicht.

Welche Schlüsse können nun daraus gezogen werden? Die Face ID-Technologie ist ohne Zweifel besser als jede andere Gesichtserkennung, die bisher bei einem Smartphone zur Verwendung kam, allerdings - und das gibt auch Apple offen und ehrlich zu - besteht wie immer kein 100 prozentiger Schutz:

Die Wahrscheinlichkeit, dass eine zufällige Person in der Bevölkerung Ihr iPhone X ansehen und mit Face ID entsperren kann, liegt bei etwa 1 zu 1 000 000 (gegenüber 1 zu 50 000 bei Touch ID). [...] Die statistische Wahrscheinlichkeit verhält sich bei Zwillingen und Geschwistern, die Ihnen sehr ähnlich sehen, sowie bei Kindern unter 13 Jahren anders, da deren Gesichtszüge sich noch nicht voll ausgeprägt haben. Falls Sie diesbezüglich Bedenken haben, sollten Sie einen Code zur Authentifizierung nutzen. (Apple Support)

Hier rät Apple also weiterhin zur Eingabe eines Codes, doch das ist ein schwacher Trost, denn wer will schon auf einen der Unique Selling Points seines über 1.000 Euro teuren iPhone X verzichten und wie vor 20 Jahren einen PIN-Code eingeben? Wohl oder übel müssen wir wohl noch ein bisschen abwarten, bis der Venenscanner auch für Smartphones marktreif ist. Für Laptops ist der Handvenenscanner keine Utopie mehr, das Fujitsu LifeBook U937 gibt es auch mit einem Palm-Vein Sensor.

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Autor: Daniel Puschina,  5.11.2017 (Update:  6.11.2017)
Daniel Puschina
Daniel Puschina - Editor
Ich bin die Generation, die in den 90er Jahren auf einem 386er mit der 20MHz Turbotaste die ersten Computer-Erfahrungen gesammelt hat. Es war eine Gratwanderung zwischen der Leistungsgrenze meines Rechners und dem knappen Taschengeld, umso größer war aber dadurch die Motivation, das letzte Stück Leistung hier noch rauszuholen. Das Herauskitzeln eines einzelnen Kilobytes in der config.sys Datei war bei 2MB RAM absolut bestimmend über „Spiel startet“ oder „Spiel startet nicht“. Ab diesem Zeitpunkt habe ich auch damit begonnen, mich hardwareseitig immer eingehender mit Benchmarktests, Leistungsvergleiche und Tuning der Komponenten zu beschäftigen, was mich in den letzten Jahren zum Dauerbesucher der Notebookcheck-Seite machte. Es ist mir somit eine große Freude, hier nun selbst aktiv für diese Seite schreiben und testen zu können.